Der Schauspieler – Gedanken zu Pfingsten

Ich denke zurück an jene Pfingsttage, die ich im Krankenhaus verbrachte. Das Zweibettzimmer teilte ich mit einem Schauspieler, der sich bei einer Theateraufführung ein Bein gebrochen hatte. Eine Welt war für ihn zusammengebrochen. Seinen Weltschmerz durchlitt und zelebrierte er wie ein unverdientes Schicksal, das ihn getroffen hatte. Ich weiß nicht mehr, wie viele Reporter und Pressefotografen auftauchten, die alle Welt an seinem unsäglichen Leid teilnehmen lassen wollten.

Über den Zimmerlautsprecher wurde eine Gottesdienst-Übertragung aus der Krankenhauskapelle angekündigt, die wir auf dem Fernsehschirm mit verfolgen konnten. Wir einigten uns darauf, zumindest einmal hineinzuschauen. Mein Mitpatient hoffte wahrscheinlich auf eine baldige Unterbrechung der Übertragung, da er in Kürze sicher wieder eines seiner vielen Interviews vom Krankenlager aus geben durfte.

In seiner Ansprache erzählte der Krankenhausseelsorger von jenem Mann in der Bibel, der schon achtunddreißig Jahre lang an der Heilquelle in Bethesda lag und bisher nicht hineinsteigen konnte, weil man ihn anscheinend immer wieder daran hinderte. Die Frage Jesu an ihn „Willst du gesund werden?“ beantwortete er mit „Ich habe keinen, der mich in den Teich trägt.“

„Sehen Sie“, unterbrach mein kranker Schauspieler die Übertragung, „die Welt ist voller Egoisten. Jeder denkt nur an sich.“ Ich seufzte und schwieg. Ich erwähnte nicht, dass er seit mehr als einer Woche das komplette Dienstpersonal der Station für sich in Anspruch zu nehmen suchte. Ich verschwieg, dass ich ihm mehrmals täglich aus dem Bett und wieder hinein half. Er hätte zwar allein das Bett verlassen und sich dabei auf das gesunde Bein stützen können. Aber dem ging es aus Sympathie mit dem kranken Bein offensichtlich auch nicht so gut und musste daher geschont werden.

Zum Glück war noch kein weiterer Pressevertreter vorstellig geworden, so dass wir die Auslegungsversuche der Bethesda-Geschichte auf dem Bildschirm weiter verfolgen konnten. „Wollte der Kranke überhaupt gesund werden?“ fragte der Seelsorger. „War er vielleicht zufrieden mit seinem Zustand? Hatte er sich mit seiner Situation abgefunden? Machte er für sein Elend die Gesellschaft verantwortlich?“

Der Prediger konnte nicht ahnen, dass solche Fragen eine empfindsame Schauspieler-Seele zutiefst verletzten. Mein Bettnachbar hätte aus Protest Bett und Zimmer verlassen – wäre da nicht das kranke Bein gewesen, dessen er sich wieder erinnerte. Er zog die Bettdecke über beide Ohren und litt unverstanden von der Welt vor sich hin.

Am nächsten Morgen stand der Patient am Fenster, als ich aus dem Badezimmer kam. Ob er den Weg allein dorthin gefunden hatte? Ich wagte nicht zu fragen. Irgendwie erschien er mir verwandelt. Hatte ihm der Pfingstgeist einen unerwarteten Anstoß  gegeben? Hatte dieser Geist ihm neues Leben eingehaucht?

Die Pfingstbotschaft des Krankenhaus-Seelsorgers hatte in ihm womöglich eine Verhaltensänderung ausgelöst, die ihn flügge machte. Vielleicht ist es das, was Pfingsten bedeutet: Nicht die Bettdecke über die Ohren ziehen. Nicht vor der Heilquelle abwarten, ob Hilfe kommt. Selbst flügge werden ist angesagt. Das Leben ist kein Schau-Spiel. Es besteht Handlungsbedarf.

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