Kein Märchen aus alten Zeiten

Reisewillige mussten reisewürdige Gründe haben oder im reisewürdigen Alter sein, um in alle Himmelsrichtungen verreisen zu dürfen. Unvorhergesehenen Verlockungen und Verführungen konnten sie ausgesetzt sein. Ob sie denen standhalten konnten, musste vorab geprüft werden. Kein Märchen aus alten Zeiten.

Ein solches erzählt ein spätromantischer Dichter in seinem „Buch der Lieder“. Es ist die wundersam schreckliche Geschichte von der schönen Jungfrau auf dem Felsen. Sie sitzt dort oben und kämmt ihr goldenes Haar. Ihrem verlockenden, betörenden Gesang erliegt der Schiffer. Blind geworden für die Strömungen und Riffe des Stroms, verkennt er, dass sein Boot zerschellt.

Die betörende Nixe sitzt immer noch da und singt ihr Lied – auch für jene, die in nicht ganz so alten Zeiten zum Balaton fuhren, der Erholungsstätte für verdiente Werktätige aus dem Bruderland. Die sagenumwobenen Burgen des Rheins und die Nixe auf dem Felsen vermissten sie dort nicht. Auch der Plattensee hat seine Reize. Auch an seinen Ufern können liebliche Jungfrauen sitzen, deren goldenes Geschmeide im Sonnenlicht glänzt, unbesungen im Buch der Lieder.

Die Schöne auf dem Felsen verzaubert die Reisenden. Sie besingt für sie die Burgen und Schlösser, die Rebhänge und Schieferfelsen. Das Märchen aus alten Zeiten muss ihnen nicht aus dem Sinn kommen. Es ist schön, sich verführen zu lassen von der reizenden Schönen, von den Felsen und Burgen. Und auch das ist gewiss: „Ruhig fließt der Rhein“.

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