Immer auf demselben Fluss

Fünfzehn Tage Flusskreuzfahrtschiff. Nicht zum ersten, sondern zum wiederholten Mal. Immer auf demselben Fluss. Immer wieder Donau. Wahrscheinlich kennen Sie jeden Grashalm am Ufer, spottet jemand. Ich habe das nicht überprüft. Sollte es so sein, dann habe ich jeden Grashalm immer aus anderer Perspektive, zu einer anderen Jahreszeit, mal im Morgennebel, mal in der Abenddämmerung wahrgenommen. Gleich sahen sie nie aus.

Was ich gesehen und erlebt habe, hat sich nicht erledigt. Es beschäftigt mich weiter. Ich habe mich nicht davon verabschiedet. Erlebtes, Gesehenes regt meine Phantasie an. Es wandelt, verwandelt sich. Es verwandelt mich. Viele neigen dazu, atemlos von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu flüchten. Ihr Erkundungsverhalten ist das von Event-Touristen – Flüchtende, Flüchtlinge, die nicht erkennen, dass Zeitlupen-Schritte sie einer Sache näher bringen als Fluchtverhalten.

Manchmal erkenne ich etwas kaum wieder, wenn es mir begegnet. Die Dörfer und Städte, die Menschen, die dort wohnen und auf die ich treffe, haben viele Gesichter, manchmal mit einer Patina überzogene Gesichter. Einige sind mir vertraut. Andere nehme ich neu wahr. Als ich auf dem Budapester Heldenplatz stand, hielt meine Kamera Bilder fest. Daheim betrachtete ich sie: Sie reflektierten oberflächliche Reize, vordergründige Wirklichkeit an einem verregneten Vormittag, die Vergangenes verdrängte. Abstrakte Fotos verrieten nichts von der Geschichte der Helden. Sie hielten flüchtige, gegenwärtige Augenblicke fest. Ich wollte den Helden neu begegnen, sie von einer anderen Position aus betrachten, ohne ihre alte Glorie zu beschwören oder zu verewigen, ohne alte Mythen zu reaktivieren. Sie sollten nicht aus ihren Gräbern steigen. Es weckte vielmehr meine Neugier, wie sie zu Helden wurden, und ob sie es noch sind, nachdem sie in die Vergangenheit entrückt sind.

Anderen begegne ich – Mitreisenden, alltäglichen Menschen, die zum ersten Mal mit mir auf dem Schiff unterwegs sind. Jede Reise führt zu solchen Begegnungen. Ich lasse sie zu. Unerwartetes, Überraschendes geschieht. Es öffnen sich neue Horizonte. Menschen kommen in meine Nähe, die weit entfernt schienen. Meine kleine Welt erlebt, dass sie Teil einer großen Welt ist. Wir leben nicht in geschlossenen Gesellschaften. Wir bereichern uns gegenseitig, wenn wir andere an uns heranlassen. Das Leben ist keine leere Wundertüte und ein Schiff kein Museum mit toten Exponaten.

Wiesen, Wälder, Dörfer, Städte ziehen am Schiff vorüber. In Wirklichkeit ruhen sie und bewegen sich nicht. Ich bewege mich, das Schiff bewegt sich. Je länger das Schiff unterwegs ist, desto mehr verschwimmen die Konturen am Ufer. Perspektiven verwirren die Sinne. Die Orientierung droht auf der Strecke zu bleiben. War ich schon einmal hier? Wann? Wiederholung ist die Mutter der Weisheit – ein russisches Sprichwort. Um weise zu werden, muss ich noch etliche Male auf demselben Fluss unterwegs sein.

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