In Erwartung – zum 1. Advent-Sonntag

Irgendetwas war anders als bisher. Sie spürte es, konnte es aber nicht beschreiben. Wenn sie am Brunnen Wasser holte, schienen die Frauen sie zu beobachten. „Bist du schwanger?“ Die Frage überraschte sie. Was sollte sie antworten? „Nein, natürlich nicht.“ Das Gerede im Dorf wäre groß gewesen. Dennoch wuchs ihre Sorge. Es bahnte sich etwas an. Es war etwas im Werden. Aber sie wusste nicht, was es sein konnte. Würde es eine Last werden, die auf sie zukam, oder ein Segen, der sich unverhofft einstellte?

Furcht und Unsicherheit überfielen sie. Worauf wartete sie? Auf Unerwartetes? Unerhörtes? Konnte eine junge Frau wie sie Erwartungen oder Wünsche haben? Wünsche durfte ein Mann äußern. Frauen waren wunschlos glücklich. So war es üblich. So verkündeten es die gesellschaftlichen Normen.

Was hatte der Engel gesagt? Eine Kraft von oben werde über sie kommen. Das hatte sie nicht verstanden. Erzählt hatte sie niemandem davon. Wer hätte ihr glauben sollen? Keine Kraft von oben beglücke einen Menschen; jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Das hätte man ihr geantwortet. Aber war sie nicht, als sie krank war, dankbar gewesen für die Hilfe der Nachbarin? „Du allein schaffst das nicht“, hatte die Freundin gesagt. Daher behielt sie die Worte des Engels für sich.

Jemand hatte etwas mit ihr vor. Sie ließ sich auf das ein, was der Engel gesagt hatte. Seine Worte waren bei ihr angekommen. Sie war bereit, offen für Neues. Mit den Worten des Engels ging sie schwanger. Sie trug sie mit sich herum. Bald würde sich zeigen, was sich daraus ergab.

Sie hatte warten gelernt. Am Brunnen musste sie warten, wenn sie Wasser holte. Sie wartete. Noch war nicht die Zeit da, sich mitzuteilen. Sie hatte jetzt Zeit für sich. Sie hatte sich entschieden, sich auf die Kraft von oben einzulassen. Sie war nicht allein, nicht hilflos. Alles würde gut werden. Darauf vertraute sie voller Zuversicht, in guter Hoffnung.

(Aus: P.J. Dickers, Esel haben keine Lobby – Manchmal wie im richtigen Leben)

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar hinterlassen zu "In Erwartung – zum 1. Advent-Sonntag"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*