Wundersame Verwandlung

Der Mönchengladbacher Autor, Peter Josef Dickers; Foto: Günter Pfützenreuter

Die Kinder in der Kindergartengruppe kannten mich, und ich kannte sie.
Oft spielte ich mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten oder hörte ihnen zu. Am 6. Dezember sollte das Nikolausfest gefeiert werden. Die Erzieherinnen trafen alle möglichen Vorbereitungen mit den Kindern.
Auch die Eltern sollten eingeladen werden. Nur die Rolle des Nikolaus stand noch zur Disposition. Die Erzieherinnen wollten sie nicht übernehmen. Die Eltern hielten sich unsicher zurück.
Ob ich das nicht übernehmen könne, wurde ich gefragt. Ich spielte den Nikolaus.

Es wurde ein fröhliches Fest. Wir sangen und erzählten. Wir hockten zusammen und warteten auf den Nikolaus. Aber der war längst da. Ich saß ja dabei.
Ich erzählte Geschichten über den heiligen Nikolaus. Geschichten beschreiben. Aber sie beschreiben nicht so, wie etwas genau war. Sie berichten, wie Menschen Gegebenheiten oder Personen erlebten, wie diese auf sie wirkten und welchen Eindruck sie bei ihnen hinterlassen haben. Legenden sind daraus entstanden. Nikolaus war ein Mann, der andere Menschen beschenkte. Fast alle Geschichten haben damit zu tun. Nikolaus schenkte heimlich. Er prahlte nicht mit seinen Geschenken. Immer schenkte er etwas von sich. Er schenkte etwas, das ihm selbst wichtig war. Das spürten die Menschen. Daher verehrten sie ihn und machten ihn eines Tages zum Bischof.

Während ich erzählte, zog ich das Bischofsgewand und die Bischofsmütze an. Die Kinder erlebten, wie der schenkende Nikolaus zum Bischof wurde. Wir erzählten, was wir jemandem schenken konnten.
Ein Junge hatte sich kürzlich ein Bein gebrochen und lag im Krankenhaus. „Du Nikolaus, ich will ihm mein Kuscheltier schenken. Er ist dann nicht so allein.“ Unversehens war ich „Du Nikolaus“ geworden.
„Trägst du immer dieses Gewand?“ Ich hatte es gerade erst im Beisein aller Kinder und Erwachsenen angezogen. Jetzt war ich ein Anderer. Jemand, der schenkt, schlüpft in eine andere Rolle. Er merkt es selbst nicht immer. Schenken verwandelt. Die Kinder spielten diese Verwandlung mit.

„Ich möchte auch Nikolaus sein“ rief das Mädchen, das sein Kuscheltier abgeben wollte. Ich hatte vorgesorgt. Einige Eltern hatten Bischofsgewänder für kleine Nikoläuse genäht. Nach und nach verwandelten sich viele Kinder in jenen Bischof, der die Menschen beschenkte.
Die Nikolausfeier wurde zu einem Fest der wundersamen Verwandlung. Vergessen war ein Nikolaus, der die Braven belohnt und den Bösen mit der Rute droht.
Das Nikolaus-Fest ist ein Fest des Schenkens. Schenken verwandelt. Es verwandelt den, der schenkt, und den, der beschenkt wird. Man braucht keinen Zauberstab. Schenken und Verwandeln kann jeder, der Anfänger und der Fortgeschrittene. Das Nikolaus-Fest ist ein schönes Fest.

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