Schön, dass ihr da seid – zum 3. Advent-Sonntag

Es kam die Zeit, dass sie kommen sollten, aber sie kamen nicht. Die Folkloregruppe mit Kindern aus Weißrussland sollte gegen 21 Uhr eintreffen. Der Bus sei unterwegs, wurde uns mitgeteilt. Auf dem großen Parkplatz erwarteten wir Jungen und Mädchen, die während der Adventszeit in Schulen und Kirchen unserer Stadt auftreten wollten. Zwei Wochen lang sollten sie unsere Gäste sein und bei einer Gastfamilie wohnen.

Gegen 22 Uhr waren unsere Füße kalt geworden. Der Nieselregen trug nicht dazu bei, das Warten angenehm zu empfinden. „Wo bleiben die? Wir haben das Abendessen vorbereitet.“ Die Fragen wurden lauter. Hatte der Bus eine Panne? Stau auf der Autobahn? Die angewählte Handy-Nummer landete immer wieder in einem Funkloch. „Wie lange sollen wir noch warten?“ Unterschwelliges Missfallen über die Strapazen, die man den Kindern im Bus zumutete. Leises Murren über die eigene Bereitschaft, Stunden lang in der Kälte zu stehen.

Gegen halb Elf eine Nachricht. Der Bus werde nicht vor Mitternacht eintreffen. Wir würden informiert. Und es kam die Zeit, dass man sich fragte, warum man jetzt noch warten sollte. Auf einen Bus warten, der in dieser Nacht nicht mehr kam? Je länger man wartete, desto mehr verpasste man woanders.

Dennoch ging niemand weg. Vielleicht kamen sie doch eher als angenommen. Wir warteten nicht auf einen Bus, sondern auf Kinder in einem Bus. Wir kannten sie zwar nicht, aber sie hatten sich angekündigt, und wir erwarteten sie. Auch die Kinder wussten, dass sie erwartet wurden.

Und es kam die Zeit, dass uns das Warten erträglich vorkam. Eine junge Mutter erzählte von der Behinderung ihrer mongoloiden Tochter. Oft hatte sie Kinder aufgenommen, die zu Besuch in unserer Stadt waren. Die Tochter schien jedes Mal wie verwandelt, wenn andere Kinder ins Haus kamen; sie wollte sie am liebsten nicht mehr gehen lassen. Der Sohn eines Ehepaares war an Strahlenkrebs gestorben. Da sich die von uns erwartete Gruppe zugunsten der Strahlenopfer von Tschernobyl engagierte, konnte dieses Paar in besonderer Weise nachempfinden, worum es hier ging.

Die kalten Füße spürten wir nicht mehr. Jeder erzählte eine Geschichte, seine Geschichte. Die Jungen und Mädchen, die irgendwo im Bus auf der Autobahn hockten, ließen uns auf dem Parkplatz an der Schule zusammenrücken. Als ein Bus mit fremden Kennzeichen vorfuhr, waren wir überrascht, dass er schon da war. Niemand schaute auf die Uhr. Niemand beklagte die endlose Verspätung. „Schön, dass ihr da seid“, sagten die meisten.

(Aus: Peter Josef Dickers, Ein bisschen Sehnsucht)

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