Windlichter

Im Gedränge musste ich auf meine Windlichter achten, damit sie nicht zertreten wurden.
Kein einziges hatte ich verkauft, obwohl morgen der Erste Adventssonntag war. Einpacken wollte ich und nicht länger in der Kälte ausharren.
Dann stand die Frau vor mir. Gesehen hatte ich sie nicht. Fünf Lichter wollte sie haben.
Sie drückte mir einen Geldschein in die Hand; fort war sie. Ich wollte ihr noch erklären, wie man die Lichter vor Wind und Regen schützt. Fragen wollte ich, wozu sie fünf Lichter am 1. Advent brauchte.
Außerdem bekam sie noch Geld zurück. Ich sah sie nicht mehr. Einen Hauch von Mitleid spürte ich.

Eine halbe Ewigkeit stand ich schon da. Fast hatte ich vergessen, Windlichter verkaufen zu wollen. Mir gefiel die Musik, obwohl ich die Lieder seit Jahren kenne. Mir gefielen die Düfte, die um meine Nase wehten. Mir gefielen die Gesichter, die sich neugierig meinen Lichtern zuwandten. Ich genoss das. Schade, dass es so kalt war und ich nirgendwo meine Füße wärmen konnte.

Die Frau schien davon nichts zu bemerken. Warum war sie hier? Wofür brauchte sie so viele Lichter? Wo wollte sie die aufstellen? Überall funkelt und leuchtet und blinkt es schon in diesen Tagen. Lichterketten an Türen und Fenstern. An Dächern und Häuserfronten strahlen und glitzern sie. Ist denn schon Weihnachten? Wir lassen Sie nicht im Dunkeln stehen, verspricht die grelle Reklame. Auch ausgefallene Wünsche werden erfüllt. Alles soll und alle wollen ins rechte Licht gerückt werden.

Meine Windlichter können mit dem Gefunkel nicht konkurrieren. Hoffentlich war die Frau nicht enttäuscht, als sie die Lichter auspackte. Ich weiß nicht, wo sie die hingestellt hat. Ich weiß nicht, ob es dunkel genug ist, wenn sie leuchten.

Aber das weiß ich: Meine Lichter machen es heller. Nicht taghell, aber hell. Mehr braucht man vielleicht nicht – jedenfalls nicht am 1. Advent.

2 Kommentare zu "Windlichter"

  1. Peter Josef Dickers | 3. Dezember 2015 um 11:56 | Antworten

    Eine neue, positive Erkenntnis: MG-heute frischt sogar Beziehungen auf. Man sollte öfter MG-heute anklicken.

  2. Dilley, Brigitte | 1. Dezember 2015 um 16:55 | Antworten

    durch Zufall fand ich dieses Gedicht von Dir und finde es gut,dass durch Deine Kreativität immer noch so schöne Dinge entstehen. Liebe Grüße von deiner ehemaligen Kollegin

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