Kirche zum Anfassen

Ein Missionar, der im brasilianischen Regenwald tätig war, stammte aus meinem Heimatort.
Wenn er Heimaturlaub hatte und die Messe in der Kirche unseres Tausendseelen-Dorfs feierte, war ich stolz, als Ministrant dabei sein zu dürfen. Messdiener seien Gott besonders nahe, versicherte der Pater.
Davon spürte ich nicht viel. Dass man, wie der Pater andeutete, im Glauben gestärkt werde, wenn man regelmäßig den Gottesdienst an exponierter Stelle im Altarraum mitfeiere, blieb mir ebenfalls verborgen.
Mir genügte es, das Weihrauchfass schwingen und den großen Leuchter tragen zu dürfen. Das mache mich zum kleinen Kleriker, sagte der Pater. Dass Ministranten lateinische „clericetti“ seien, bedeutete mir nichts und interessierte mich nicht sonderlich. Solche Vokabeln tauchten im Latein-Unterricht am Gymnasium nicht auf.

Ich war damit zufrieden, anschaulich Kirche zu erleben. Da waren die jährlichen Maiandachten vor dem mit Blumen geschmückten Marienaltar in der Dorfkirche. Dass die Gottesmutter als Königin und Mutter der Barmherzigkeit angerufen und verehrt wurde, wie der Pfarrer predigte, hörte und überhörte ich.
Mehr schätzte ich die Möglichkeit, aus unserem Garten stark riechende Fliederbüsche in die Kirche schleppen zu können. Im Mai-Monat war das meine Lieblings-Beschäftigung. Der Marienaltar in der Seitenkapelle glich in dieser Zeit einem weißen oder violetten Fliederblüten-Meer.

Kirche zum Anfassen, zum Sehen und Riechen. Glauben mit allen Sinnen. Kein katholisches Theater, wie eine Nachbarin abschätzig äußerte. Ab und zu durfte ich mit dem Pater zusammen frühstücken. Priester zum Anfassen. Es gab Schinken und Käse, ein gekochtes Ei und Kaffee.
Daheim kannte ich solche Zutaten nicht einmal vom Hörensagen. Als mich der Pater einlud, ihn in Brasilien zu besuchen, erwiderte ich folgerichtig, das habe keine Eile. Es faszinierte mich, dass er eine Flussreise auf dem Amazonas plante. Dass er aber Wochen lang auf das Motorboot warten musste, dämpfte meine Reiselust.
Viele Jahre später starb der Urwald-Doktor Albert Schweitzer. Ihn hätte ich gern besucht.

Erfahrbare Personen und Begegnungen vor Ort prägten mein Bewusstsein von Kirche. Ein in der Pfarre tätiger Kaplan war gehandicapt durch einer schwere Kriegsverletzung. Es kam vor, dass er einen epileptischen Anfall während der Messe erlitt und diese nicht zu Ende führen konnte.
Priester waren keine himmlischen Geschöpfe; sie waren verwundbar und verletzlich wie alle Menschen.
Gelegentlich fielen Begriffe wie Berufung, Verzicht, Opfer. Wen Gott rufe, dem verheiße er Großes, ließ der Pater durchblicken. Zuhause erzählte ich nichts davon. Von solchen Verheißungen hielt Mutter nichts. Gelassen ging sie damit um, zu den „kleinen Leuten“ zu gehören, deren Leben im Dorf sich in überschaubaren Realitäten abspielte. Das Wort „Berufung“ kam darin nicht vor.

Als ich eines Tages tatsächlich Zukunftspläne schmiedete, war ein Besuch auf der missionarischen Urwaldstation des Paters kein Thema mehr. „Mutter Kirche“ konnte mit mir nicht anders rechnen als bisher. Ich interessierte mich für die Schullaufbahn. Kunst und Kunstgeschichte zählten zu meinen bevorzugten Interessengebieten.
Zu Anderem oder Höherem fühlte ich mich damals nicht berufen.

1 Kommentar zu "Kirche zum Anfassen"

  1. „Ach ja, da war doch… “ „Weißt du noch…“? Herrlich dieses unschuldige unbeeindruckt sein eines Kindes von soviel Heiligkeit.
    Wenn ich ehrlich bin. Fronleichnam als „Engelchen“ die Prozession zu begleiten, über die Blütenteppiche schreiten zu dürfen, das war für mich das wirklich Große, damals. Heute darf ich ja nicht mehr, als „Engelchen“. Das Frühstück des gehobenen Niveaus ist mir leider nicht zuteil geworden. Herzerfrischende Geschichte , in einer Sprache die anspricht, wie in den anderen bisher auch, selbst wenn es um die ernsteren Zeiten des Lebens geht.

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