Der Bio-Weihnachtsbaum

Mit Axt und Säge rückten sie mir zu Leibe. Dass ich ächzte und stöhnte, kümmerte sie nicht, oder sie überhörten es.

Einen selbst geschlagenen Weihnachtsbaum wollten sie ins Zimmer stellen.
Einer meinte, er wolle wissen, wo sein Baum gewachsen sei. Tannenbaum in Eigenherstellung. So wie sie mich behandelten, konnte ich darauf schließen, dass sie noch nie eine Säge in der Hand gehalten hatten. Aber gegen sie und ihre Kettensäge war ich machtlos.
Wahrscheinlich waren sie gegen das Abholzen der Regenwälder. Auf mich nahmen sie keine Rücksicht.
Ihr Weihnachtsbaum dürfe ein bisschen krumm sein, sagten sie. Dann sehe er echt aus. Sie nannten mich Bio-Baum, Außenseiter-Fichte. Darauf seien sie stolz. Bio stehe für Frieden, für Harmonie. Mit mir könnten sie sich identifizieren. Außenseiter zu sein sei kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal.

Dass ich in den vergangenen Wochen übel riechende Dämpfe einatmen musste, die man über mir versprühte, sagte ich ihnen nicht. Sie wussten es wahrscheinlich. Das Waldsterben werde damit verhindert, sagten sie. Außerdem würde ich nach den Festtagen zu Biomüll verarbeitet und im Wald verstreut, damit wieder Bio-Weihnachtsbäume wachsen könnten.
Jetzt schleppen sie mich den Waldlehrpfad hinunter. „Tannenbaum-Schonung“ steht auf dem Schild. Wovor soll ich geschont werden?
Wahrscheinlich wussten das diejenigen, die mich abgesägt haben, auch nicht.
Das verwachsene Bäumchen neben mir haben sie stehen lassen. Nach drei Tagen werde es seine Nadeln verlieren; dafür lohne sich die Arbeit nicht, meinten sie.
Weihnachtsbäume werden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Ich hätte eine Menge zu sagen.

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