Ich passe auf Sie auf

„Paparazzo“-Skulptur in Bratislava. Foto: Dickers

Er sitzt mir auf einem Klappstuhl gegenüber. Er müsse auf mich aufpassen, erklärt er.
Das wird ihm nicht schwerfallen, da ich angeschnallt bin. Große Bewegungsfreiheit habe ich nicht.
Uns verbindet derselbe enge Raum eines Krankenwagens auf der Fahrt in die Klinik.
„Sagen Sie Jimmy zu mir“, ermuntert er mich. „Ich bin der Sani, freiwillig, seit einem Monat, nach dem Abi. Nicht mein Traumjob.“ Er weiß noch nicht, auf welche Art von Tätigkeit er demnächst Lust haben soll.
„Mein Traumjob hier auch nicht“, erwidere ich. „Verstehe“, sagt er. „Blöde Situation. Aber ich passe auf Sie auf.“
Den Wagen fährt Henni. Er bedient das Navi, das anzeigt, wohin es gehen soll. „Navi zeigt den Weg“, sagt Jimmy. „Klar“, antworte ich.
„Henni, Jimmy, Sani – irgendwie praktisch. Kann man sich merken.“ Jimmy ist redselig, will mich unterhalten. Aufwärmübungen. Wie ein Therapeut, der mir gut zuredet. Sein Beschützer-Instinkt ist geweckt. „Sanitäter ist umständlich“, beginnt er wieder. „Bin ich auch nicht richtig.“ Wie er mich nennen soll, sagt er nicht. Er sagt „Sie“. Vielleicht Vorschrift.
Was ich mache, wenn ich nicht in die Klinik muss. „Einige Zeit her“, antworte ich. „Schule.“ „Schule“ kommt nicht gut bei ihm an, obwohl er sie gerade abgeschlossen hat. Schule ist kein Thema. Angespanntes Verhältnis. Pippi Langstrumpf und Huckleberry Finn waren auch keine Schulhelden; wurden trotzdem berühmt, wenn auch nur literarische Helden. Er sagt es nicht; er könnte sich aber darauf berufen.
Was ich unterrichtete, will er wissen. „Ach so. Nicht meine Fächer.“ Keine Begeisterung. „Ich war eher für Mathe“, informiert er mich. „Meine Fächer sind auch nicht schlecht“, verteidige ich mich. „Kann sein“, konstatiert er. Seine Sicht der Dinge hält er nicht zurück. Ehrliche Haut nenne ich das.
Was ich jetzt ohne Schule mache, fragt er. Er bleibt neugierig.
„Ich schreibe.“
„Briefe?“
„Geschichten.“
„Geschichten? Liest die jemand?“
„Ich lese sie vor.“
„Können die nicht lesen, denen Sie vorlesen?“
„Wahrscheinlich schon. Aber sie hören gerne zu.“
„Verstehe ich nicht, dass jemand zuhören will, der lesen kann.“
„Zuhören ist anders als lesen. Man merkt es sich anders. Man spürt, was das für einer ist, der vorliest. Man kann Fragen stellen, wenn man etwas nicht versteht. Beim Lesen ist das nicht möglich.“
„Meine Oma hat auch vorgelesen“, kommentiert er nach einer Pause. Irgendetwas mit dem Navi stimmt nicht. Jimmy zeigt auf das Navigationsgerät. Navi scheint Probleme zu haben.
„Wenn Oma mir vorlas, hat sie manchmal gelacht. Einfach zwischendurch. Weiß ich noch. Vor allem bei den beiden, die oft Streiche gespielt haben.“
„Max und Moritz“, ergänze ich. „Genau. Schade, dass wir gleich da sind, wo wir Sie hinbringen sollen.“
Ich bin überrascht. Mein Gefühl für Zeit ist abhandengekommen. Lange kam mir die Fahrt nicht vor, wahrscheinlich wegen Jimmy. Als der Wagen anhält, lese ich „Zahnklinik“. „Da will ich nicht hin.“ Jimmy und Henni wollen das auch nicht. Fehler beim Navi.
„Sorry“, entschuldigt sich Henni. „Ich habe nur Klinik geschrieben.“
„Navi wusste nicht, welche.“.
Ein paar Meter weiter sind wir am Ziel. „Wenn wir Sie abholen, können Sie mir etwas vorlesen“, überrascht mich Jimmy. Will er mich aufmuntern? Falsch liegt er nicht damit. „Auf Sie aufpassen muss ich dann nicht.“ Wieder der Therapeut.
„Was soll ich vorlesen?“
„Egal. Irgendetwas.“
„Versprochen. Ich werde etwas schreiben.“
„Über uns?“
„Einverstanden. Über uns.“
Hallo, Jimmy. Hier ist die Geschichte. Soll ich sie vorlesen?

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