Wie auf einer Reise – Ein Brief

„Paparazzo“-Skulptur in Bratislava. Foto: Dickers

Eigentlich muss ich dir nicht schreiben, weil wir uns oft sehen und miteinander reden. Aber ein Brief ist etwas anderes als ein Gespräch. Man kann ihn lesen, weglegen, ihn ein zweites oder drittes Mal lesen. Beim zweiten oder dritten Mal sieht man vielleicht genauer hin als beim ersten Mal. Vielleicht fällt einem etwas auf, was man vorher nicht richtig wahrgenommen hat.
Gelegentlich reden wir über deine Mitschüler und Mitschülerinnen oder über deine Lehrer. Manche findest du doof oder langweilig, andere ganz nett. Von einem Jungen aus deiner Klasse hältst du seit einiger Zeit viel. Das sei nichts Besonderes, erwiderst du. Er sei eben nett.
Hin und wieder fragst du mich nach einem heißen Tipp, wenn es in Mathe um Symmetrie-Ebenen oder um Schnittflächen geht. Es kann sein, dass ich das auf Anhieb nicht weiß und mich erst informieren muss. Du findest es tröstlich, wenn auch Erwachsene zugeben müssen, etwas nicht zu wissen.
Wir reden hin und wieder über Dinge, die nichts mit Schule zu tun haben, sondern mit dir. Du willst kein Kind mehr sein, bist aber auch noch nicht erwachsen. Erwachsen willst du noch nicht sein, aber auch kein Kind mehr. Das ist wie bei einer langen Reise, die man antritt. Zwischen Abfahrt und Ankunft liegen oft viele Stationen. Bei der einen Station hält man sich länger auf, bei einer anderen nur kurze Zeit. Bei der einen Station möchte man am liebsten bleiben, bei der anderen ist man froh, wenn der Zug weiterfährt.
Manchmal ärgerst du dich, wenn dein Zug halt macht, wo du es total langweilig findest. Aber du merkst, dass deine Wünsche nicht immer so schnell in Erfüllung gehen, wie du das dir vorstellst. Deine Eltern sehen das natürlich. Auch sie wollen, dass du erwachsen wirst. Aus eigener Erfahrung wissen sie jedoch, dass dies nicht im Eiltempo geht. Daher bremsen sie manchmal deine Fahrt ab und sagen HALT, damit dein Zug nicht aus den Schienen springt. Vielleicht glaubst du, dass sie deine Reise stoppen wollen. Aber sie wollen verhindern, dass dein Zug entgleist.
Auf deiner Reise sammelst du viele Eindrücke, interessante und aufregende, oder solche, die du nicht immer wichtig findest. Auch andere Leute reisen mit. Es sind Mitreisende, die mit dafür sorgen wollen, dass du ans Ziel kommst.
Ich wünsche dir gute Fahrt. Komm gut an.

Kommentar hinterlassen zu "Wie auf einer Reise – Ein Brief"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*