Das Zirkuspony

„Paparazzo“-Skulptur in Bratislava. Foto: Dickers

Es war eine schöne Zeit. Am liebsten wäre mir, sie würde nie zu Ende gehen. Immer war ich geduldig, gutmütig, zu allen freundlich. Durch nichts habe ich mich aus der Ruhe bringen lassen. Die Zuschauer habe ich zum Lachen und Staunen gebracht, wenn ich einen Hund oder eine Katze auf meinem Rücken reiten ließ.

Vor allem habe ich mich gefreut, wenn Kinder mir zusahen. Sie riefen laut meinen Namen, wenn ihnen an meinen Kunststücken etwas besonders gut gefiel.
„Prinz“, riefen sie, „bravo Prinz“. Sie klatschten dann laut in die Hände. Kinder liebten mich. Zu ihnen war ich besonders freundlich. Ich fühlte mich wie ein Star, wenn sie anwesend waren. Zu vielen Späßen war ich bereit, um sie zu erfreuen.
Ich stelle mich vor: Prinz heiße ich – Prinz, das Zirkuspony.
Und jetzt? Soll alles vorbei sein? Auf den Gnadenhof wollen sie mich abschieben, mich gleichsam aus dem Paradies vertreiben. Ich sei in die Jahre gekommen und zu alt für den Zirkus, behaupten sie. Dass ich kürzlich operiert werden musste, sei ein Beweis dafür. Regelmäßiges tägliches Training bedeute Stress für mich. Die Manege, in der ich meine Runden drehe und Kunststücke vorführe, sei sehr eng; das habe im Laufe der Zeit meine Gelenke strapaziert. Im Zirkus hätte ich keine Zukunft mehr. Das sei der Lauf der Dinge. Zirkustiere seien Arbeitstiere und nicht nur für die Unterhaltung der Zuschauer da. Hart arbeiten müssten sie; das gelte auch für mich. Jetzt hätte ich Anspruch auf ein bequemeres Leben.
Will ich das? Niemand hat mich gefragt. Ich kann mich nicht erinnern, über mein Leben geklagt zu haben.
Meine Kunststücke seien nicht so gefragt wie früher, wird entschuldigend gesagt. Zirkusbesucher möchten Sensationen sehen; die könne ich nicht bieten. Daher soll ich auf den Gnadenhof umziehen. Was soll ich da?
Mein Freund, das Zebra, hat mich gewarnt. Das sei die letzte Station vor dem Schlachthof. Aus verlässlicher Quelle habe es das erfahren.
Nein, das will ich nicht. Auf ein Gnadenbrot verzichte ich. Ich bin nicht krank. Ich bin nicht behindert. Die Lektionen und Gangarten, die ich gelernt habe, beherrsche ich immer noch. Pirouetten drehen oder die Vorderbeine überkreuzen, mich auf Kommando hinsetzen oder auf den Boden legen, das beherrsche ich im Schlaf. Ich bin ein kluges Zwergpony und lerne alles schnell.
Es ist schön, wenn wir etwas Neues einstudieren. Gestern haben wir das Ja- und Nein-Sagen geübt. Wenn ich Ja sagen soll, nicke ich mit dem Kopf von oben nach unten; bei einem Nein bewege ich ihn einige Male von links nach rechts. Zuerst habe ich das verwechselt, wie ich zugebe. Ich habe mich beschwert, als ich kein Leckerli bekam. Eine Möhre oder ein Stück getrocknetes Brot mag ich am liebsten. Eine Naschkatze bin ich. Jetzt weiß ich, dass ich mich anstrengen muss. Ein Leckerli erhalte ich trotzdem nicht immer, obwohl die Zuschauer begeistert sind und wieder laut meinen Namen rufen.
Die Abwechslung, die mir das Zirkusleben bietet, will ich nicht eintauschen gegen ein lLeben auf dem Gnadenhof. Auch will ich meine letzten Tage nicht im Tierheim verbringen. Ich würde mich zu Tode langweilen und vor allem die Kinder und andere Zuschauer vermissen.
Solange ich lebe, will ich Zirkuspony bleiben. Etwas anderes kommt für mich nicht in Frage.

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