Der Oberarzt

„Paparazzo“-Skulptur in Bratislava. Foto: Dickers

Der Professor hatte mir gesagt, der Eingriff lohne sich. Zwei andere Ärzte hatten abgeraten und erklärt, mit diesem Problem müsse ich leben. Der Professor machte mir Mut. Jetzt lag ich auf dem Operationstisch-Tisch, eingehüllt in grüne Laken, umgeben von grünen Schwestern mit grünem Mundschutz.
Operationssäle sind steril. Sie lassen einen nicht entkommen. Angeschnallt, angekabelt, Kanüle rechts, Kanüle links lag ich da. Vorsorglich war ich ruhig gestellt worden vor der folgenden Anästhesie-Injektion. Ich sollte mich fallen lassen, mich dem Eingriff überlassen.
Das konnte ich nicht, da ich in dem grünen Meer den Professor nicht entdeckte. Dem hatte ich es zu verdanken, dass ich hier lag. Ihm wollte ich mich jetzt anvertrauen. „Wann kommt der Professor?“ Fragen konnte ich noch. „Der hat heute frei. Der Oberarzt operiert.“ Wer bitte? Die Ruhigstellung bewirkte das Gegenteil. Plötzlich war ich hell wach. „Sie sollten längst schlafen“, tönte es aus dem Grün. Ich wollte nicht schlafen. Mit einem Ober- oder sonstigen Arzt hatte ich nicht gerechnet und wollte es auch nicht.
„Der nimmt den Eingriff öfter vor als der Herr Professor“, tönte es wieder. „Der hat darin Routine.“ Ich hatte mich nicht auf Routine, sondern auf den Professor eingestellt. Die Konfusion wuchs. Zumindest im grünen Meer. Bei mir wuchs die Antipathie gegen einen Eingriff. Ich müsse jetzt operiert werden, hörte ich. Alles sei bereit. Aber ich war nicht bereit. „Ich möchte los geschnallt werden“, rief ich dem Grün entgegen. Das war nicht vorgesehen. Wer einmal liegt, den Eingriff kriegt.
Ich zerrte an den Gurten und versuchte mich zu befreien. Damit hatte die grüne Mannschaft nicht gerechnet. Nach und nach verließ sie das Spielfeld. Nur die Anästhesistin blieb. Sie half mir bei meiner Befreiungsaktion und besorgte den Rücktransport auf mein Zimmer. Das habe sie noch nie erlebt, dass ein Patient den Operationstisch wieder verließ, ohne operiert worden zu sein.
Eine halbe Stunde später saß ich im Auto auf dem Parkplatz. Dort stellte ich fest, dass nicht alle Kanülen und Nadeln bei der Befreiungsaktion entdeckt und entfernt worden waren. Zurück in den OP-Saal. Dann ließ ich mich nach Hause fahren.
Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief des Professors. Er entschuldigte sich und bot mir einen neuen Termin an. Acht Tage später operierte er mich, ohne Erfolg.
Hätte ich den Oberarzt nehmen sollen?

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