Die Macht der Erinnerungen

Meine Mutter war trotz aller Vorbehalte gegenüber himmlischen Versprechungen eine tief religiöse Frau, mit einer eher wortkargen Frömmigkeit. Kein „lieber Gott“, dem sie sich anvertraute. Keine „fromme Seele“. Natürlicher Skeptizismus zeichnete sie aus. Sonntags- und Werktagsgottesdienste begannen für sie jedoch nie zu früh, um sich auf den Weg zur Kirche zu machen. Mit der „Frommes“, der Frühmesse, begann ihr Tag. Mich nahm sie mit. Ich hatte keinen Grund, das zu hinterfragen.

Zwei Mal in der Woche stand Schulgottesdienst auf dem Stundenplan in der damaligen Volksschule. Die Aufsicht führenden Lehrer registrierten, ob alle Kinder anwesend waren. Wenn unsere Familie vor dem Abendessen in der Küche auf den Knien lag, war Rosenkranz-Zeit. „Der für uns gegeißelt worden ist.“ „Der für uns das schwere Kreuz getragen hat.“ Das Geschehen um das Leiden und Sterben Jesu ließ in der Fastenzeit die Rosenkranzperlen durch die Finger gleiten. Die Knie beschwerten sich nicht über die unbequeme Körperhaltung. Sie waren im Winter geschützt durch lange Strümpfe. Mutter hatte sie gestrickt.

Warum haben wir dieses Leben akzeptiert? So frage ich heute. Weil es vermutlich keine Alternativen gab. An wortreiche Klagelieder meiner Mutter kann ich mich nicht erinnern. Ihren Schmerz über den frühen Verlust ihres Mannes, meines Vaters, hat sie nie gezeigt. Für Trauer blieb weder Raum noch Zeit. Psychotherapeuten wären beschäftigt gewesen. Negative Erlebnisse wurden verdrängt. In fast allen Häusern gab es ähnlich leidvolle Erfahrungen. Warum sollte es uns anders ergehen? Es hätte viele Gründe für viele Tränen gegeben. Geflossen sind sie nur spärlich. Oder sie blieben uns Kindern verborgen.

Hin und wieder betrachte ich alte Fotos, die in die Gegenwart hinüber gerettet wurden. Sie dokumentieren Kindheitserfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Das Foto mit der Petroleumlampe gehört dazu. In ihrem faden, kümmerlichen Schein hockten wir im Keller, weil im Radio vor der Bombardierung der nahen  Eisenbahnstrecke gewarnt worden waren. Noch heute meine ich den ranzigen Geruch der Lampe in der Nase zu spüren, weil der Docht filzig war und vor sich hin schwelte. In einem Nachbarhaus war eine Lampe explodiert, da sich leicht entzündliches Gas entwickelt hatte.

Sprengbomben trafen die Pfarrkirche und zerstörten das gotische Maßwerk und die Fenster im Chorraum.

Solche Zeugnisse haben nicht nur dokumentarischen Wert. Sie machen Erlebtes bewusst, wecken Gefühle. Vergangenes verrottet nicht.

Ich will es nicht aufleben lassen, weiß aber, dass es nachwirkt. In welcher Form sich vergangene Ereignisse und erlebte Geschichten auf spätere Entscheidungen ausgewirkt haben, vermag ich nicht zu beurteilen, wie ich bereits andeutete. Vielleicht sträube ich mich gegen die eine oder andere Erinnerung, oder ich habe Abwehrmechanismen entwickelt, Schutzwälle des Schweigens errichtet. Geblieben sind sie dennoch – mächtig, wenn auch nicht übermächtig.

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