Empfehlungen und Entsagungen

Die Unterkunft, die ich während des Studiums bezog, bot kein erstklassiges Ambiente. Sie entsprach den Vorstellungen der Zeit. Studenten benötigten eine Bleibe, nicht mehr.

Unnötigen Ballast hatte ich abzustreifen. Güterverzicht war angesagt. Verzicht stärke den Charakter, hieß es. Konzentration auf das Wesentliche galt als Leitmotiv. Ob Asketen den schönsten Teil des Lebens verpassen, wie behauptet wird, darüber dachte ich nicht nach.

Ein Leben in abgeschirmten Bereichen kündigte sich an. Was benötigte ich? Wovon musste ich mich trennen? Was war wesentlich? Wer legte das fest? Die Antworten – in Form einer Belehrung, was erlaubt und was zu unterlassen war – wurden mitgeliefert. Debatten darüber inszenierte niemand.

Verzichten hatte ich gelernt. Unsere familiäre Situation während des Kriegs und in den Jahren danach hatte  Gelegenheit dazu geboten. Verzicht wurde nicht angeordnet; er ergab sich durch die Umstände. Mitbringen musste ich Bettwäsche, Tischtuch, Servietten. An Büchern waren erwünscht: Gebetbuch, Deutsche Komplet in der Leipziger Ausgabe, lateinische Psalmen-Ausgabe und das Missale, das die in der katholischen Messe vorgeschriebenen Gebete, Lesungen und Liedtexte enthielt.

Dass ich mit der Bibel bewehrt erscheinen sollte, war zu erwarten. Der Vorhang, mit dem ich das Bücherregal drapierte – rot übertünchtes Jugendherbergs-Design in Komfort-freier Zone – verbarg nicht nur Erwünschtes. Ein Radio fand dahinter Platz. Es gehörte zu jenen Verfehlungen, die Sittenzeugnis und Hausordnung zu erwähnen unterlassen hatten. In meinen Augen kein vorsätzlicher Regelverstoß, sondern dezenter Hinweis darauf, Regularien nicht absolut buchstabengetreu verstehen zu müssen.

Grundsätzlich galt: Alles war verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt war. Heimatliebe und Geborgenheit konnten in diesem Ambiente nicht so schnell entstehen.

Die Liste der Empfehlungen und Entsagungen war lang. Bedürfnisse wurden definiert durch das, was die geistlichen Obern für notwendig hielten. Vermutlich orientierten sie sich auch an gesellschaftlich üblichen Wertvorstellungen jener Zeit. Ihre Liste erwies sich jedenfalls als Vorgeschmack auf eine Freiheit, die  verlangte, Grenzen zu akzeptieren.

Ob die Verpflichtungserklärungen zur Domestizierung der Bewohner beitrugen, blieb unbeantwortet. Es bedurfte eines besonderen Charakters, die über uns gestülpte Glasglocke als Schutzmaßnahme zu verstehen.

Als Kind hatte ich denken und entscheiden gelernt. „Danke, ich denke selbst“ war Mutters Antwort, wenn ich ihr einen klugen Rat erteilen wollte. Sie vertraute ihrem eigenen Verstand. Das Recht zu widersprechen, eigenständig zu denken und zu handeln, war ihr wichtig. Das stand sie auch mir zu. Kein „Rede nur, wenn du gefragt wirst“.

Es ist nicht anzunehmen, dass ihr Bertolt Brechts pädagogische Erfahrung „Kartoffeln sind gesund, ein Kind hält den Mund“ bekannt war. Was nach Brecht „ein Kind gesagt bekommt“, entschied allein sie. Sie ließ es sich nicht vorschreiben.

Warum verlangte man von uns erwachsenen Theologie-Studenten, „Unnötiges“ zurück zu lassen? Wer hatte das Recht festzulegen, was wir „durften“ oder „nicht durften“, was nötig war oder nicht?

„Konzentration auf das Wesentliche“ erwartet ein bekanntes Wirtschaftsunternehmen von seinen Mitarbeitern. „Weniger ist mehr“ bezieht sich auf Inhalte und Informationen. Inhalte sollen Notwendiges betonen und in Bezug zu Bedürfnissen des Benutzers stehen.

Man müsse etwas so haben, als habe man es nicht, hieß es in den Anordnungen zum Verzicht. Immer wolle man mehr haben, als man besitze. Wir sollten ein anderes Verhalten zur Welt praktizieren: Selbstgenügsam, selbstzufrieden, bedürfnislos sein; den Reiz der Entbehrung auskosten, statt uns zu klammern an Vergängliches. Etwas nicht zu haben bedeute, es nicht begehren zu müssen. Das bewahre uns vor dem steten Verlangen nach Bedürfnisbefriedigung. Schon beim griechischen Philosoph Aristoteles, der vor zweieinhalb tausend Jahren lebte, sei nachzulesen, dass es viele Dinge gebe, die man nicht brauche.

Dass auch individuelle Entfaltungsmöglichkeiten vom Verzicht betroffen waren, wurde nicht erwähnt. Man wusste vermutlich, dass Gemeinschaften umso länger überleben, je mehr Einschränkungen ihnen auferlegt werden, und dass so die Stabilität des Systems gefördert wird.

Es regte sich Unbehagen. Dass ich Prioritäten setzen und Selbstdisziplin üben sollte, leuchtete ein. Mich zu trennen von lieb gewordenen Besitzständen konnte  heilsam sein. Ballast abzuwerfen, auf Wesentliches zu konzentrieren, mochte mich befreien von falschen Abhängigkeiten und mir helfen, mich neu zu entdecken. Dass auch verordneter Verzicht Gutes bewirkte war mir neu. Um das zu verstehen und einzusehen, musste ich ein bestimmtes Alter erreicht haben.

Gleichmut und Bedürfnislosigkeit empfiehlt auch der Buddhismus. Er sieht darin Vorstufen, um ins Nirwana einzutauchen. Dahin zu gelangen, hatte ich nicht die Absicht.

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