Unterschiedliche Wertvorstellungen

pendeluhr

Zwei Jahre vor meinem Laisierungsgesuch hatte der Erzbischof uns, die zehn Jahre zuvor die Priesterweihe empfangen hatten, seinen Dank ausgesprochen „für den treuen Dienst, den Sie im vergangenen Jahrzehnt in der Kirche geleistet haben.“

Kritisch blickte der Bischof zurück. Mahnend schaute er nach vorn. „Die Lage der Kirche hat sich in diesen Jahren stark gewandelt. Heute sind viele Priester und Laien von Unruhe und Unbehagen erfüllt. Manche sind enttäuscht, andere verwirrt. Die Botschaft, die wir verkünden, steht quer zu gängigen Wertvorstellungen der Gesellschaft.“ Er warnte uns vor den Gefahren der Wohlstands-Mentalität, die vor Kirchentüren nicht Halt machen würde und allen vorgaukelte, weich gebettet zu sein.

Wie reagierten wir darauf? Glaubten wir nicht daran, alles werde gut bleiben? Verstanden wir den Hinweis des Bischofs, dass sich die Belastung des Menschen durch wachsende Ansprüche und Angebote auch auf uns Priester bedrängend auswirken konnte? Hatten wir den Wünschen vieler Menschen, materielle Bedürfnisse befriedigen und an allen  denkbaren Luxusgütern teilhaben zu können, etwas entgegen zu setzen? Hielten wir es für möglich, dass sich moralfreie Zonen bildeten? Waren wir persönlich vor dem Prestige-Konsum gefeit?

Mit Ansprüchen und Wertordnungen der Gesellschaft wurde ich im Schuldienst konfrontiert. Schüler und Kollegen dachten und handelten anders als ich. Viele waren, was Kirche und Religion betraf, Ahnungslose und Kirchenferne, manche Hin- und Wieder-Christen, die den Herrschenden dieser Welt und nicht den Dienern der Kirche zu Füßen lagen. Dass unser Land auf eine christliche geprägte Geschichte zurückblickt, schien ihnen nicht bewusst zu sein, oder es war nicht relevant für sie.

Dass man sich in der Kirche heimisch fühlen konnte und nicht nur in ihrem Windschatten lebte, konnten sich nicht alle vorstellen. „Wer Licht in die Welt bringen will, wird Elektriker oder Priester.“ Mit diesem Slogan warb ein Priesterseminar für einen „Tag der Offenen Tür“. Es gab Schüler und Kollegen, die mich lieber als Elektriker erlebt hätten, um sich davon überzeugen zu können, ob ich Licht ins Dunkel brachte. Dann hätte ich eine klar umrissene Funktion, einen  nachprüfbaren Platz in der Gesellschaft eingenommen. Für sie und mich galten unterschiedliche Wertordnungen.

Ich war Priester. Für mich kein Beruf wie jeder andere. Kein Job, der mich zu pausenloser Betriebsamkeit und voll gestopftem Terminkalender zwang. Besserwisser oder Heilsbringer waren nicht gefragt. Ich musste etwas vom Alltag verstehen, in dem ich, meine Schüler und meine Kollegen lebten. Auf gesellschaftliche und soziale Entwicklungen musste ich eingehen, ohne mich als Sozialromantiker zu entpuppen. Wenn ich dazu nicht bereit oder nicht in der Lage war, blieb ich Außenseiter und konnte nicht auf Signal-Wirkungen meines Handelns hoffen.

Mein Priestersein musste sich verzahnen mit der Vielfalt des Lebens in Schule und Gesellschaft. Religion und Leben mussten kooperieren. Nur so konnten religiöse Werte im Leben der Schüler präsent werden. Das zu verdeutlichen, gelang mir vermutlich nicht immer. Die Jahre im Schuldienst wurden Jahre der Bewährung.

Vollkommenes habe ich nicht erreicht; aber ich hinterließ Spuren. Dessen bin ich sicher. Auch ehemalige Schüler und Schülerinnen werden sich an mich erinnern. Zeugnisse, die sie mir für einige Schuljahre ausstellten, werden sie im Gedächtnis behalten. Meine „Leistungen“ wurden benotet: Gesprächsführung „gut“, Didaktik „gut“, Häuslicher Fleiß „gut“. Diese Dokumente zählen zu meinen unveräußerlichen Gegenständen.

Bis heute pflege ich Kontakt mit ehemaligen Kollegen und Schülern. Auch der Schulträger legt Wert darauf, „Ehemalige“ nicht abzuschreiben. Er lädt zu diversen schulischen Veranstaltungen ein und will uns nicht aus den Augen verlieren.

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