Das Wunderöl

Ihre Oma nehme nur dieses Öl, sagte Saadia, das Zimmermädchen. Sie benutze es zum Kochen und Backen. Vor jeder Mahlzeit nehme sie einen Teelöffel davon ein. Mit dem Öl pflege sie ihre Haut. Es wirke gegen Faltenbildung, helfe gegen Haarausfall, sei ein hervorragendes Heilmittel und der beste Schutz gegen Sonnenbrand.

Das wundersame Öl war ein Gourmet-Speiseöl, Nahrungsergänzungsöl, Anti-Aging-Öl, Öl für alles und für alle Tage. Warum hatte ich noch nichts davon gehört? Wahrscheinlich deswegen, weil der Baum, aus dessen Früchten es gewonnen wird, nur in Marokko zwischen Essaouira und Agadir wächst. Bei einer Fahrt durch das Land waren mir Ziegen aufgefallen, die auf Bäumen kletterten. Es waren die vom Aussterben bedrohten Arganbäume, die unter dem Schutz der UNESCO stünden, sagte der Fahrer.

An einer Straßenecke entdeckte ich ein Schild mit der Aufschrift „Massage“. Gutes Öl, nickte der Fahrer. Wurde das Wunderöl auch hier eingesetzt? Saadia, das Zimmermädchen, bestätigte es. Nach Erfahrungen ihrer Großmutter wagte ich nicht zu fragen. Saadia wusste, was gut für und gegen etwas war. Sollte ich mich auf eine Wunderöl-Massage einlassen? Meine Neugier war größer als meine Skepsis.

Das Etablissement wirkte seriös. Viele Masseure und Masseurinnen habe er angestellt, erklärte der marokkanische Geschäftsinhaber in akzentfreiem Deutsch. Auf vielen Regalen reihten sich Flaschen und Fläschchen aneinander. Erstaunlich, dass es noch so viel von dem wunderbaren Öl gab, da die Bäume vom Aussterben bedroht waren. Reines Öl? Öl-Verschnitt? Gepantscht? Gestreckt? Argwohn kam auf. Wegen seiner hohen Konzentration werde es mit Olivenöl vermischt, wurde mir erklärt. Mein Vertrauen sollte wieder hergestellt werden. Wie viele Oliven mussten geerntet werden für ein Fläschchen Wunderöl? Ich erfuhr es nicht. Duftstoffe füge man hinzu, hieß es. Eukalyptus sei zu empfehlen. Das rieche gut und intensiviere die Wirkung. Allah werde mir bestätigen, so hoffte ich, dass die zwanzig Euro für die Massage gut angelegt waren.

Zugedeckt mit warmen, wollenen Tüchern ließ ich mich auf die Wunderöl-Massage ein. Die Information an der Wand versprach mehr, als Saadias Mutter wusste. Das Öl wirke gegen braune Flecken und brüchige Fingernägel. Es helfe gegen Rheuma und Muskelschmerzen. Es bekämpfe die Müdigkeit und fördere die Zellerneuerung. Warmes, samtweiches Öl tropfte auf meine Füße. Die Masseurin schien davon auszugehen, dass eine ausgedehnte Fußmassage die Behandlung anderer Körperteile überflüssig machte. Blieben nördliche Körperregionen unberücksichtigt?

Ich begann zu genießen. Vermischt? Gestreckt? Verschnitt? Unwichtig. Als meine Kopfhaut durchgeknetet wurde, hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Ich machte mir keine Gedanken darüber, was die Für-und-gegen-alles-Massage bewirken oder verhindern werde. Vor dem Rückflug kaufte ich am Flughafen noch zwei Fläschchen Wunderöl-Verschnitt. Wirken würde es bestimmt. Egal, wogegen oder wofür.

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