Trösterin der Betrübten

Ein Preußenkönig war hier und brachte eine fünfzig Pfund schwere Kerze mit. Eine noch größere Kerze erzählt davon, dass sich schon vor vierhundert Jahren Prozessionen nach hier auf den Weg machten. Prozessionen aus Deutschland und Holland, aus Belgien und Luxemburg kommen immer noch. Jedes Jahr. Oft mit Opferkerzen oder geschmückt mit einem Wappenschild.
Ich sitze in der Kerzenkapelle. Einen Augenblick zur Ruhe kommen will ich. Gelingt das, wenn rundherum viele hundert Kerzen ihre Geschichte erzählen? Wenn sie berichten, wer sie hergebracht hat und warum? Kann ich den Blick abwenden von den bemalten Wappenschildern und Tafeln, von den Danksagungstäfelchen und Plaketten? „25 Jahre Fußwallfahrt“. „10 Jahre Fahrradpilger“. „Royal Airforce“. „Motorradfahrer-Wallfahrt“. „Internationale Jugendwallfahrt“. Alle kommen und bringen ihre Kerzen – ihr „Beedevaartoffer“, sagt die holländische Inschrift. Später werden bei der abendlichen Vesper mehr als hundert Kerzen brennen und den Raum in imaginäres Licht tauchen.

Kerzen auch in der Gnadenkapelle. Auf dem Altartisch stehen zwei Schachteln für „geopferte Kerzen“. Es passen nicht mehr viele hinein. Wann und wo werden sie Licht spenden? Ein dienstbarer Geist fährt mit einer Sack-Karre eine Fuhre neuer, noch nicht geopferter Wallfahrtskerzen herein. Viele Kartons, viele Kerzen. Wallfahrtsopfer-Logistik.

Die Familiensippe, die den engen Raum betritt, denkt weniger an ein Opfer, sondern an Vorratshaltung für dunkle Winternächte. Die Kerzen sind ein Geschenk des Himmels. Taschen werden mit Kerzen gefüllt. Wallfahrts-Sonderration. Nicht immer kann der Generalsekretär der Wallfahrt so planen, dass jede Kerzen-Rechnung aufgeht. Abschreibung heißt das betriebswirtschaftlich. Die Sippe stellt einen großen Strauß roter Rosen ins Blumenmeer vor dem Altar. Vom Gnadenbild hinter dem Altar, das Bittsteller und Beter ehrfürchtig oder neugierig berühren, scheinen sie nichts zu wissen. Wegen der Kerzen hätten sie auch ihre Hände nicht frei gehabt.

Zu wem pilgern die Menschen? Zur Consolatrix Afflictorum, zur Trösterin der Betrübten. Mehr als achthunderttausend Pilger kommen jährlich aus Deutschland und den Benelux-Ländern, aus vielen Ländern. „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen“, soll eine geheimnisvolle Stimme einem Händler vor rund vierhundert Jahren zugeflüstert haben, als er an einem Hagelkreuz betete. Dem Dorf hat das gut getan. Heute ist der Wallfahrtsort eine florierende Pilgerstadt. Das Hagelkreuz steht nicht mehr da. An seiner Stelle stehen die Gnadenkapelle, die Kerzenkapelle, die Sakramentskapelle, die Beichtkapelle, die Johanneskapelle. Und die große Wallfahrtskirche; der Aufnahme Mariens in den Himmel ist die Päpstliche Basilika geweiht.

Alle Pilger wollen einmal in den Himmel. Vorerst sorgen die Pilgerleiter dafür, dass die Wallfahrer noch eine Weile auf Erden bleiben und den geordneten Wallfahrtsgang gehen. Wer sich der Gottesmutter anvertraut, den vergisst sie nicht. Dessen sind sich Beter und Zweifler, Suchende und Fragende gewiss.

Der Verkehrsverein weiß, welche sonstigen Bedürfnisse es gibt. Verkaufsoffene Sonntage beispielsweise. Es gibt viele Anlässe. Gastronomen und Konditoren, Gastwirte und Hoteliers haben immer offene Sonn- und Werktage. Nicht zu vergessen die Kerzengeschäfte. Sonnenschirme und Stuhlkissen bringen Farbe ins Stadtleben. Wallfahren hält Leib und Seele zusammen. Achthunderttausend Pilger wollen nicht nur beten und sich um ihr Seelenheil kümmern. Auch leibliches Heil will gesichert werden.

Wenn die Pilger den großen Kreuzweg gegangen sind, melden sich menschliche Bedürfnisse an. Die Trösterin der Betrübten wird es verstehen. Zum Schluss wird ja wieder gebetet.

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