Bitte für uns

Die kleine Kapelle müsse ich aufsuchen und eine Kerze anzünden. Eine persönliche Bitte, die ich dabei formulieren würde, gehe in Erfüllung. Meine Gastgeber, die mir die Empfehlung mit auf den Weg gaben, waren fromme und aufgeschlossene Leute. Die Wallfahrtskapelle „Maria in der Schmelz“ im Südtiroler Martell-Tal ist der Legende nach bei einem gewaltigen Bergsturz wunderbar verschont geblieben.

Das Schicksal des Tals ist die Pliwa, ein Wildbach. Immer wieder hat sie das Tal mit seiner weitgehend unberührten, urtümlichen Berglandschaft verwüstet und Katastrophen ausgelöst. Heute fängt ein Stausee die Wassermassen ab. Maria in der Schmelz hört und erhört immer noch die Bitten derer, die zu ihr flehen.

Die bäuerliche Kultur und Kulturlandschaft des Tals ist eng verknüpft mit dem Kampf gegen die Naturgewalten. Ein Besuch im Museum „Culturamartell“ verdeutlicht das. Glaube und Aberglaube, Bittgesänge und Prozessionen, viele Formen des Wettersegens begleiteten Jahrhunderte lang das karge Leben der Bergbauern. „Maria, bitte für uns.“ An wen sonst hätten sich die Menschen wenden sollen?

Touristen fahren an Maria vorbei. Möglicherweise haben sie auf ihrer Durchreise Europas höchst gelegenes Erdbeer-Anbaugebiet registriert. In steilen Kurven geht es aufwärts zum Stausee, immer mit dem imposanten Ausblick auf die Dreieinhalbtausender.

Alle sind auf der Suche nach Leben, nach Erleben, nach Glück – mit oder ohne Vertrauen auf himmlische Fürsprache. „Maria, bitte für uns“ wird denen von den Lippen kommen, die ihren Weg und ihr Heil auch mit Hilfe anderer zu finden hoffen. Andere fahren allein zum Stausee weiter – in der Hoffnung, dass er die Naturgewalten im Zaum hält.

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