Tabu

„Lachen will jeder, sterben will keiner.“ Ein Bestattungsunternehmen lädt zu einem kabarettistischen Abend zum Tabuthema „Tod“ ein. Sterben ist nicht zum Lachen. Aber der Bestatter will das Thema enttabuisieren, ihm seine Schärfe nehmen.

„Was tun, wenn jemand stirbt?“ Eine Verbraucherberatung bietet Hilfestellung an. Sechs Euro kostet der Ratgeber. Brauchen wir nicht, sagen viele. „Freude, Freude, immer neue Freude, Halleluja“, verkündet die große Anzeige in der Zeitung. „Anonymes Urnengrab“, steht unter dem Halleluja. Um Regina muss man sich keine Gedanken machen. Das Lachen kann weitergehen. Für Trauer gibt es weder Ort noch Zeit.

Das mit Lars ist weniger zum Lachen. „Ich wage es, mich der Dunkelheit auszusetzen, in der alles zum Gefängnis wird“, schreibt er. „Tief bewegt teilen es alle mit, die mit ihm waren“. Wer war Lars? Wer sind „alle“? Wird nicht gesagt. Soll anonym bleiben. Immerhin haben sie ihn begraben. Irgendwo in der Mitte zwischen zwei Bäumen. Ob sie sich die Stelle gemerkt haben? Warum irgendwo, anonym, namenlos? „Wir waren zu feige“ schreiben sie bei Guido, versprechen aber „Wir werden dich nicht vergessen“ –  Silke, Achim, Alex, Martina, Michael. Vornamen. Wie bei Guido.

„Im Andenken an Hongkong Stefan“, lese ich. Wieder ein Namenloser. Bekannt nur jenen, bei denen er bisher Namen und Bedeutung hatte. Auch ich möchte etwas von ihm erfahren. Einiges wird angedeutet: „Lippenstift am Kragen. Badewanne voll Geschirr. Geniales Chaos und ein Lächeln.“ „Dein Charisma werden wir vermissen“, schreiben Isi und Ralf, Dana und Tim. Viele andere. Ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Ich möchte seine Freunde besuchen, mir sein Charisma beschreiben lassen. Aber sie offenbaren sich nicht.

Warum teilen sie ihre Trauer mit, wollen aber mit deren Bewältigung allein bleiben? Ist es so wie bei Josef? „För de Welt wär he nix, för siene Frünn veel, för uns allns“ – Für die Welt bedeutete er nichts. Seinen Freunden bedeutete er viel. Seiner Frau und den Kindern alles.

Zwei Tage nur ist Melina alt geworden. Viel kann sie nicht erlebt haben in den achtundvierzig Stunden ihres Lebens. Daher nicht der Rede, nicht der Erwähnung wert? Doch, sagen die Eltern. „Du bist wie eine Wurzel, tief eingegraben in unseren Herzen, für immer und ewig.“ „Wir danken Gott für fünf glückliche Jahre mit Benjamin“, schreiben andere.

Jedes Leben hat Bedeutung und ist der Rede wert. Leben ist nicht anonym.

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