Donau heiße ich

Dunărea, Dunav, Duna, Donau nennt man mich. Deutsch und rumänisch, bulgarisch und serbisch, kroatisch ungarisch bin ich. Reizend und lieblich, manchmal eine wilde Schöne. Weiblich bin ich, eine Frau. Dass ein Mann, ein Flussgott, an meiner Wiege stand, erschreckt mich nicht. Ehe er kam, war ich da. An meiner Quelle saß kein Knabe.

Zwei jungfräulich weibliche Wesen fördern mich zu Tage. „Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg“. „Hier entspringt der Hauptquellfluss der Donau“, behaupten einige. Sie zwängen mich in ein Steinbecken und wollen über mich verfügen. „Hier entspringt die Donau“, sagen andere und meinen die Rinnsale auf der Wiese.

Woher ich komme, wohin ich gehe? Ich antworte nicht und hüte mein Geheimnis. Von mehreren Eltern stamme ich ab. Ich öffne mich, werde Bach, Fluss, Strom. Ich kreuze auf, ändere meinen Lauf und meine Meinung. Ich lasse mir Zeit. Nirgendwo halte ich mich lange auf.

Wer will, kann sich meinem Lauf anschließen. Ich nehme jeden auf, der mit mir auf die Reise gehen will. Iller und Lech, Isar und Inn fließen rechts zu mir hin. Als sie Ansprüche stellen, mir meinen Namen streitig machen wollten, zeigte ich ihnen die nasse Schulter. Ich bin die Donau, habe ich gesagt. Eure Wasser sind meine Wasser.

Dann pirschen sich Gewässer von der anderen Seite heran. Altmühl, Naab und Regen kommen mir von links entgegen. Mein Bett teile ich mit ihnen; denn ich lege Wert auf gute Gemeinschaft. Zum mächtigen Strom wachsen wir an, fließen vereint zum weit entfernten Ziel. Dort wird nicht Ende sein, sondern Neubeginn im großen Meer.

Die blaue Farbe des Himmels spiegelt sich in mir. Sie lässt mich zur schönen blauen Donau werden, zum Donauwalzer. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bin ich. Silbernes Band. Segen spendender. Völker verbindender Strom. Ich trenne und verbinde Völker und Staaten.

Mal fließe ich breit dahin, durchquere Landschaften und Ebenen. Mal bin ich Gebirgs- oder Tieflandfluss. Mal unterspüle und umspüle ich Bäume und Inseln, überschwemme Wälder. Gefräßig und unvorhersehbar bin ich, unberechenbar. Menschen nehmen meine Launen gelassen. Sie bauen Hütten und Häuser an meinen Ufern. Ich bin mit ihnen auf dem Weg, mit Lebenden und Toten.

Legenden ranken sich um mich. Märchen, Sagen und Kulturen, Lebensentwürfe und Religionen treffen sich an meinem Weg. Sie fordern auf zu Toleranz und Verständnis. Brücke bin ich, Vermittlerin und Versöhnerin zwischen Ost und West. Völker verbinde ich, die sich kennen und doch einander fremd sind.

Ich fühle mich geschmeichelt, wenn Schiffe sich von mir tragen lassen. Gäste sind sie auf meinem Rücken. Ich flüstere ihnen zu: Über-lasst euch der Strömung, die euch fort trägt und irgendwo ans Ufer führt. Lasst euch treiben von meinen Wellen. Nehmt euch Zeit auf dem Weg zum Ziel. Entdeckt euren langen Atem. Flieht nicht davon. Nur eine gemächliche Reise ist eine Reise.

Keine Reise ist ohne Klippen. Nur dann erreicht ihr das Ziel, wenn ihr die Klippen kennt und sie bezwingt. Nikolaus, der Schutz-patron der Seefahrer, wird euch behüten, wenn ihr euch ihm anvertraut. Er lässt euch sicher wieder heimkehren.

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