Steffl hat seinen Preis

Foto: P.J. Dickers

Steffl nennt man ihn liebevoll. Wenn man bedenkt, wie alt er ist, darf man ehrfürchtig staunen, dass er immer noch da ist. Seit vielen hundert Jahren steht er da. Immer noch hat er eine Anziehungskraft, die einem Jüngeren alle Ehre machen würde. Alle mögen ihn  und strömen zu ihm. Alle wollen ihn sehen. Wer ihn ganz sehen will, muss sich entscheiden, wie viel ihm das Sehen Wert ist.

Am preiswertesten ist es, ihn von außen zu betrachten. Niemand kommt dann und sagt, Steffl verlange Tribut. Das Alter habe seinen Preis. Dennoch hat es seinen Preis, dass er steinalt ist. Die Steinmetze kümmern sich darum. Altersbeschwerden setzen Steffl vor allem von außen zu. Die steinharte Schale neigt zum Erweichen. Das hat seinen Preis. Daher wird im Herbst für Steffl gesammelt. Einen Tag lang darf man den Steinmetzen dann zuschauen bei ihrer steinharten Arbeit. Wer nicht im Herbst kommt, kann sich nicht beteiligen. Er sieht dann aber auch die Steinmetze nicht.

Wer Steffl von innen bewundert, kann sich an allem Möglichen beteiligen. Kaum hat man sein Inneres betreten, verrät er schon, wie es um ihn bestellt ist. Er brauche dringend eine Spende. Sein Alter sei beträchtlich. Sein Zustand zwar nicht bedenklich, aber auch nicht unbedenklich. Man möge ihn daher bedenken. Also wird Steffl bedacht, der Stephansdom in Wien.

Was soll man zuerst bewundern? Die Fülle erschlägt. Steffl hilft. Treffpunkt zur Führung. Steffl sei Dank. Führung durch die Pracht hat ihren Preis. Sehen an sich ist kostenlos. Geführtes Sehen ist anders. Mindestens fünf Personen. Viereinhalb Euro garantieren richtiges Sehen. Mehr als fünfzig Bewunderungswillige wollen richtig sehen. Die nächste Führung in einer Stunde. Die Widmung hätte man ohne Führung lesen können. „Die Bundesrepublik Deutschland spendete einen namhaften Betrag für den Bau einer neuen Riesenorgel.“

Für Steffl gelten besondere Maßstäbe. Seine Schönheit ist grenzenlos. Auch seine Größe. Sechstgrößte Kirchenorgel der Welt, vier Manuale, zehntausend Pfeifen. Ob der namhafte Betrag ausreichte?  Gewissensbisse, ob viereinhalb Euro ein Freundschaftspreis sind, den es aufzustocken gilt. Wer weiß, was man noch alles zu sehen bekommt. Der Sankt-Stephan-Phonomat kommt wie gerufen. Einen Euro kann man einwerfen, für diesen Spottpreis sogar die Sprache wählen. Schon gibt Steffl Daten von seiner wahren Größe, von seiner Länge und Breite und Höhe preis.

Jede Führung hat  Grenzen. Das Zuhören auch. Kein Wunder, denn Steffl hat sich Jahrhunderte lang Zeit genommen, alles zu sammeln, was schön und prächtig ist. Viereinhalb Euro können nicht reichen. Vor dem Abstieg zu den Katakomben sind sie aufgebraucht. Mindestens fünf Personen halten je viereinhalb Euro bereit. Mindestens zehn Mal so viele wollen sehen, was die Katakomben verbergen. Hätten sie gewusst, dass während der Pestzeit in Wien die Friedhöfe überbelegt waren und daher Tausende von Toten in die Katakomben-Schächte geworfen wurden, hätten sie es sich mit dem Abstieg noch einmal überlegt. Aber es gibt ja für viereinhalb Euro auch noch die Herzogsgruft der Habsburger zu sehen. Und die sind in Wien überall ihren Preis Wert.

Steffl gewährt den schönsten Blick über Wien. Für den Aufzug sollte man vier Euro Fahrgeld bereit halten. Oben angekommen liegt einem Wien zu Füßen. Außerdem ist man ganz nahe bei Österreichs größter Glocke. Steffl ist auch darin nicht zu übertreffen. Größte Glocke, zweitgrößte in Europa, dazu noch die Aussicht. Vier Euro dafür sind geschenkt.

Im Dom kann man auch beten. Beten hat keinen Preis. Daher beten viele. Beten versöhnt mit dem Eindruck, Steffl sei nur Sehenswürdigkeit, Objekt der Begierde, bei der es um den Preis geht. Beten ist kostenlos. Beten lenkt den Blick nach oben und nach innen. In einer anderen berühmten Kirche steht es geschrieben. „Denken Sie beim Herumgehen daran, dass Sie sich an einer heiligen Stätte befinden. Sprechen Sie nur leise und vergessen Sie nicht, Ihren Blick nach oben zu richten.“

Beten kann man ohne Führung. Draußen stehen Leute an für die nächste Führung.

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