Unterwegs zum Nullpunkt

Der Donau-Arm, auf dem wir den Nullpunkt ansteuern, ist zur fast schnurgeraden Wasser-Straße ausgebaut geworden. Der Strom entwickelt sich zum immer befahrbaren Transportweg. Auf ihm erreichen wir Sulina, an der Mündung des Wasserweges ins Schwarze Meer gelegen.

„Wo ist der Nullpunkt?“ frage nicht nur ich. „Wo ist das Meer?“ Auf einem Schild, leicht zu übersehen, steht eine unscheinbare Null. Täuschen wir uns? Wo Null steht, ist noch nicht bzw. ist nicht mehr die Null. Die Mündung liegt Meilen-weit von Sulina entfernt, weil der Strom immer mehr Land im Meer angeschwemmt hat. Geröll und Schlamm führt er mit sich. Die schweren Brocken bleiben am Grund hängen, das Feinmaterial wird ins Delta transportiert. So entstand und entsteht neues Schwemmland, das ins Meer hinaus wächst. Der Leuchtturm steht nicht an der Küste, sondern mitten im Land. Seine Funktion ist nicht mehr Leuchtturm, sondern Museum. Er wirkt wie jemand, der nicht dazugehört.

Der Ort Sulina, früher Sitz der Europäischen Donau-Kommission und bedeutende Hafenstadt, erweckt den Eindruck, am Nullpunkt zu sein. Ein Ort wie am Ende der Welt – stolze Vergangenheit, trostlose Gegenwart. Verkommene Jugendstil-Bauten ähneln einem Gruselkabinett. Auf Wiederkehr einer vergangenen Zeit und auf neue Heldengeschichten kann Sulina nicht hoffen, auch nicht mit Fürsprache der Göttin Selene, die der Stadt ihren Namen gab. Sulina kann Gute-Nacht-Geschichten erzählen. Zukunftsweisende Perspektiven sind nicht in Sicht.

Besuchens wert, und das besagt viel, ist der Friedhof mit einem vorsintflutlichen Leichenwagen. Christliche, jüdische und muslimische Grabstätten gibt es. Die letzte Ruhe haben viele Tote nicht gefunden. Auf manchen Gräbern steht ein Kreuz, eine Stele oder eine Marmorsäule. Aber die Angehörigen haben die sterblichen Überreste ihrer Verwandten und Freunde heimgeholt nach dort, wo sie selbst zu Hause sind.

Für den Friedhof und für Sulina gilt: „Sic transit gloria mundi – So vergeht der Ruhm der Welt.“ Wenn im Petersdom in Rom ein neuer Papst gewählt worden ist, spricht der Zeremoniar diesen Satz – mahnende Erinnerung an irdische Vergänglichkeit und daran, dass jeder einmal am Nullpunkt ankommen wird.

Ende der Donaugeschichten

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