Bisher hießest du Gott, lieber Gott

Der Mönchengladbacher Autor, Peter Josef Dickers; Foto: Günter Pfützenreuter

Seit geraumer Zeit ist man auf Suche nach einer „Bibel in gerechter Sprache“. Man sucht neue Namen für dich, lieber Gott. Das wurde auch Zeit. Dein Bekanntheitsgrad lässt zu wünschen übrig.  Nicht weiblich genug bist du, sagen sie. Jetzt sind sie dir auf der Spur. Es ist ihnen gelungen, die Frau in dir zu entdecken: Du stillende Mutter. Du alles in Ordnung haltende Haushälterin. Du morgens früh aufstehende Bäckerin.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Du wirst staunen, lieber Gott, über den weiblichen Hofstaat, der dich jetzt umgeben wird. Sie nehmen es dir übel, dass du dich bisher nur Gott nennst. Überrascht dich das? Warum bist du keine Göttin? Keine Artemis, keine Diana wie damals in Griechenland oder in Rom? Was hast du gegen die Frauen? Du hast sie in dem Buch, das von dir handelt, in der Bibel, sträflich vernachlässigt. Fünftausend Männer hattest du bei der Brotvermehrung dabei. Wo waren die Frauen? Hältst du es für gerecht, sie nicht zu erwähnen?

Hast du nicht über die entwürdigende Bezeichnung „Christen“ nachgedacht? Gleichmacherei ist das. Unterscheidest du nicht zwischen Christen und Christinnen, Betern und Beterinnen, Nachdenkern und Nachdenkerinnen? Es ist höchste Zeit für eine gerechte Sprache, lieber Gott.

Das Ewig-Weibliche darf nicht länger verkannt werden. Frauen wollen sich an die stillende Mutter wenden, die mit dir auf dem himmlischen Thron sitzt. Die gütige Geburtshelferin auf deinem Thron kann verwundeten weiblichen Seelen Trost und Labsal spenden. Lieber Gott, du musst die Bibel neu erfinden. Wir müssen dich neu erfinden. Es muss gerechter mit dir zugehen.

Gut, dass du nicht in unserer Nationalhymne vorkommst. „God save the Queen“, flehen die Briten. “God save Angela”, würde das bei uns lauten. Könntest du dir das vorstellen?

Ich weiß nicht, lieber Gott, wie ich dich in Zukunft nennen soll. Du leuchtende Kerze, für mich zu romantisch. Du Gütige Geburtshelferin, nur Frauen vorbehalten. Solange mir nichts anderes einfällt, werde ich dich weiterhin Gott nennen. Ich hoffe, dass du mich verstehst.

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