Ach Jupp

Der Mönchengladbacher Autor, Peter Josef Dickers; Foto: Günter Pfützenreuter

Ach Jupp

Manche Leute tun sich schwer damit, dich so zu sehen, wie du wirklich bist, und dich so zu verstehen, wie du etwas gemeint hast. Halb- oder missverstandene Wortfetzen zerren sie aus deinem inzwischen ansehnlich gewordenen bayerischen Wortschatz und wundern sich, dich nicht wirklich verstehen zu können.

Vom Nachfolger sollst du gesprochen haben. Ob du darüber etwas gesagt oder nur laut gedacht hast, ist nicht genau belegt. Wahrscheinlich weißt du selbst nicht, ob du „einen“ oder „deinen“ denkbaren Nachfolger im Sinn hattest oder ob du in Wirklichkeit dein eigener Nachfolger bist. Einige wollen den missverständlichen Begriff „aufhören“ herausgehört haben, den du angeblich schon im Munde führtest, als du Richtung Bayern aufgebrochen bist.

Jeder darf von deiner Vertragstreue ausgehen. Es geht wohl um ein differenziertes Vertragsverständnis, um per Handschlag geschmiedete Vertragspläne. Lägen sie schriftlich vor, wären sie für uns einsichtig und nachprüfbar. Manche, die dich vor Jahresfrist ungern von dannen ziehen ließen, wollen dich an die baldige Rückkehr in deine Heimat erinnern. Ob ihre Erwartung Vertrags-Charakter hat und ob sie im Wortlaut auf Tag und Stunde fixiert wurde, wissen wir nicht. Da du nicht laut darüber nachgedacht hast, könnte es sein, dass dieser Vertrag gar kein Vertrag ist und daher auch kein Vertrag gemacht worden ist. Im Gegensatz zu uns verstehst du das wahrscheinlich.

Was ein Vertrag vorläufig anordnet und was er verschweigt, ist nicht Sache von Juristen. Uns ist es überlassen, herauszufinden, welche Interpretations-Möglichkeiten in ihm stecken.

Über „Dichtung und Wahrheit“ hat sich schon unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe Gedanken gemacht. In seinem berühmten, autobiografischen Werk tut er uns kund, dass etwas, das von einem tatsächlichen Geschehen handelt, auch fiktive d. h. erdachte Elemente enthalten kann. Wenn Goethe schreibt „Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt“, kann er das nur mitteilen, weil andere es ihm erzählt haben. Vielleicht war es so, vielleicht war es Stunden später. Zwischen Dichtung, Wahrheit und Interpretation können nicht nur Stunden, sondern manchmal Welten liegen.

Ach, Jupp, irgendwann werden wir sicher erfahren, welche Absprachen, die deinen Vorlieben entsprechen, du mit deinem gegenwärtigen Arbeitgeber getroffen hast. Unsere Vorstellungswelt mag begrenzt sein, mit der Besinnungslosigkeit eines Schlafwandlers wirst du aber nichts vereinbart haben.

Wir begegnen dir nicht mit staunender Gläubigkeit, aber dein Können und dein Verhalten flößen uns nach wie vor Respekt ein. Auch in Zukunft werden wir uns gegenseitig sicher nicht mit anderen Augen oder gar mit teilnahmslosen Mienen betrachten.

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