Geringfügiges Versehen

Der Mönchengladbacher Autor, Peter Josef Dickers; Foto: Günter Pfützenreuter

Das Angebot passte. Frühlingsblüher für den Vorgarten – das kam zur rechten Zeit. Sechzig Cent pro Stück. Für den günstigen Preis konnte ich mir zehn Stück leisten, vielleicht fünfzehn, wenn das Angebot nicht begrenzt war.

Die Verkäuferin zeigte sich ausnehmend freundlich und stellte mir fünfzehn blühende Primeln in unterschiedlichen Farben zusammen. Glücksgefühle äußerte ich nicht, aber ich war zufrieden und hielt ihr einen Zehn-Euro-Schein hin. Der war mir meine Zufriedenheit wert.

Der sympathischen jungen Frau bereitete mein Geldschein Kopfzerbrechen. Fünfzehn Euro müsse sie haben, das bestätige die Eingabe auf dem Laden-Computer. Den hatte ich nicht berücksichtigt,  mich vielmehr darauf verlassen, für fünfzehn entzückende Pflanzen ohne Hilfe eines PC und sonstiger Rechen-Hilfen den tatsächlichen Preis ermitteln zu können.

Darauf ließ sich die Verkäuferin nicht ein. Ihr anfänglich freundliches Wesen nahm weniger heitere Züge an, leicht spöttische, wie ich ihrem Gesichtsausdruck entnahm. Ich, der ältere Herr, hatte keine Ahnung von der Seriosität und Verlässlichkeit moderner Berechnungs-Techniken. Gelobt sei der Unterschied.

Sie forderte mich auf, zu zahlen oder die fünfzehn noch nicht rechtlich erworbenen Frühlingsblüher zurückzugeben, da es mir an der notwendigen Einsicht fehle.

Darauf konnte ich mich nicht einlassen, da ich die Pflänzchen in Gedanken schon in meinem Vorgarten blühen sah zu meiner und der Mitmenschen Freude.

Da ich kein Wohltätigkeits-Institut bin, griff ich auf mein erprobtes Schulwissen zurück, jedoch bemüht, nicht mein Besserwissen zu demonstrieren. Die Grundrechenart des Multiplizierens würde sie kennen. Ich versuchte den von mir errechneten Preis Schritt für Schritt plausibel zu machen.

Es gelang nicht, weil der Gärtnerei-Computer eine andere Zahl als die von mir errechnete bestätigt hatte. Ich war im Nachteil. Der jungen Frau zu empfehlen, ihre Eingaben auf dem von ihr benutzten Gerät zu überprüfen, wagte ich nicht. Auf eine Zuspitzung der Situation wollte ich es nicht ankommen lassen.

Ihre Gesichtszüge ließen es geraten erscheinen, nach einem Vermittler Ausschau zu halten. Es zu versuchen mit Einschüchterung, widersprach pädagogischer Erfahrung und war sinnlos. Gegen überzeugende und bewiesene Technik-Gläubigkeit, zeitgemäße Form des Wunderglaubens, war ich chancenlos.

Dennoch hatte ich Glück. Der Inhaberin des Blumenladens waren die Berechnungs-Versuche zu Ohren gekommen. Da sich weitere Interessenten für das Objekt der Begierde eingefunden hatten, bot sie Hilfe an.

Wiederum hatte ich Glück. Sie bestätigte wohlwollend die Überlegenheit menschlichen Wissens gegenüber irrtümlich eingegebenen und errechneten Daten eines technischen Gerätes. Sie nahm die Angestellte in Schutz – eine lobenswerte Geste. Deren Verhalten habe nichts Ehrenrühriges an sich. Eine beruhigende Botschaft, mit der sie mich bei Laune halten wollte. Jede Botschaft enthält ein Körnchen Wahrheit. Sie traf den richtigen Ton. Die junge Angestellte sei erst im zweiten Lehrjahr. Sie bitte um Nachsicht für ein geringfügiges Versehen. Verliererstolz.

Die Primeln in meinem Vorgarten wissen nicht, was ihnen blühte. Sie blühen dem Frühling entgegen.

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