Der Uhren-Tüftler. Willi Dahmen und sein außergewöhnliches Hobby

Willi Dahmen

Dass er 81 Jahre alt ist und noch lange auf Erden ansässig bleiben will; dass er seit einer Bypass-OP in einer Koronar-Sportgruppe aktiv Volleyball spielt und der reaktionsschnellste Mitspieler ist; dass er während der Gartenarbeit einmal vom Baum stürzte und dies nur beiläufig erwähnt – das sagt eine Menge aus über den Menschen Willi Dahmen. Er hat sich seine körperliche und geistige Kondition erhalten hat und pflegt sie. Dass Zeit und Alter an einem nagen können, scheint für ihn nicht zu gelten.

„Ich habe immer zu tun“, erklärt er mir, als ich ihn um einen Gesprächstermin bitte. Ich möchte etwas über seine Uhren-Künste erfahren. Wilhelm Dahmen ist schon lange pensioniert. Fünfundzwanzig Jahre war der gelernte Kunstschmied als Hausmeister an einer Mönchengladbacher Schule tätig. Zu Lehrern und Schülern hatte er ein stimmiges Verhältnis. Das Metall-Schild im Hobby-Raum verrät seinen hintergründigen Humor, der ihn für Lehrer und Schüler umgänglich machte und zur Respektperson werden ließ. Er war „immer“ zu sprechen; das wussten alle. Niemand schaffte es, ihn gegen sich aufzubringen.

Der Hobby-Raum daheim ist sein Arbeitsraum, kein Uhren-Museum. Einige Modelle darf ich bewundern. An manchen arbeitet er noch, repariert sie, bestellt Einzelteile im Internet, bastelt neue Stunden- bzw. Minuten-Zeiger und sorgt dafür, dass die Uhren wieder pünktlich auf der Höhe der Zeit sind. Manchmal muss er eine Uhr mehrmals auseinanderbauen, sie Schritt für Schritt „verstehen“ lernen. Jedes Rädchen, jedes Kleinteil passt nur an die dafür vorgesehene Stelle. Das macht ihn zum Tüftler, zum Teilchen-Beschleuniger, gelegentlich zum Bastler. Das äußere Gehäuse gewährt nur begrenzte Einblicke ins Innere. Man muss auf Entdeckung gehen.

„Guck doch mal“, sagen Freunde und Nachbarn, die ihn kennen oder von ihm gehört haben und ihm ein altes oder weniger altes Uhren-Schätzchen bringen. Dann ist der Uhren-Tüftler stolz über das Vertrauen, dass ihm entgegengebracht wird. Auch um die große Kirchturm-Uhr an St. Nikolaus in Hardt hat er sich gekümmert. Welcher Uhrmacher klettert schon in und auf einen Kirchturm? Man würde, wenn überhaupt, zunächst die Gefahrenzulage in Rechnung stellen.

Wilhelm Dahmen versteht seine Tätigkeit als Hobby. Zwar kooperiert er gelegentlich mit einer Uhrmacher-Meisterin, die ein normales Uhren-Geschäft betreibt. Aber hier hilft eine Hand der anderen. „Wenn ihr eine Arbeit zu kompliziert ist, dann mache ich das für sie.“ Beide schätzen sich und wissen, was sie aneinander haben.

Mit Uhren kam der Tüftler schon während seiner Schulzeit in Berührung. Seinen Lehrer ärgerte die Uhr im Klassenraum. Er wollte sie gegen ein Bild austauschen. Willi nahm sie an sich, seine erste Uhr. Er zerlegte sie und studierte ihr Innenleben. Seitdem lassen ihn Uhren nicht mehr los.

Während seiner Lehrzeit wurde er auf einen Gladbacher Trödel-Händler aufmerksam, der mit alten Möbeln und Uhren Geschäfte machte. Als ein Mitarbeiter die Uhren zwar auseinanderzunehmen, aber nicht mehr zusammenzufügen wusste, und seinen Chef in den Bankerott trieb, war der Tüftler zur Stelle. In dessen Schlafzimmer auf der Bettkante sitzend, erweckte er durch Versuch und Irrtum manche Uhr wieder zum Leben. Das zunächst nicht Gelingende ist der Anfang des Gelingens. „Zunächst zuschauen, dann selbst beginnen und die verschiedenen Bewegungen einer Uhr erfahren“, sagt Wilhelm Dahmen. Seine Uhren-Lehrzeit.

Uhren sind für ihn keine Altertümlichkeiten, so alt sie auch sein mögen. Die verschiedenen Modelle in seinem Arbeitsraum sind kein Bilderbuch aus vergangenen Zeiten. Sie ticken wieder oder immer noch. Sie leben. Einige sind nicht zu „überhören“.

Auch unser Leben verläuft im „Uhrzeigersinn“, erwähnt der Tüftler. Als es noch keine tickenden Uhren gab, orientierten sich Menschen am Lauf der Sonne.  Da sie auf der Nordhalbkugel der Erde im Osten aufgeht, Richtung Süden wandert und im Westen untergeht, also „rechts “ herum wandert, hat man auch den Zeigern der Uhr eine Rechtsdrehung verordnet. Auf der Südhalbkugel wandert die Sonne von rechts nach links. Wären die Uhren dort erfunden worden, so würden die Zeiger unserer Uhren anders herum laufen.

Ich könnte Wilhelm Dahmen stundenlang zuhören. Von seinen in Flensburg, in der Schweiz und in Israel verheirateten Töchtern und den Enkelkindern könnte er erzählen. Darüber, dass er mehr als dreißig Mal mit der Matthias-Bruderschaft quer durch die Eifel zum Grab des Apostels Matthias nach Trier pilgerte, in der Regel zu Fuß, könnte er berichten. Von seiner Tätigkeit als Sportschütze könnte er viele Geschichten erzählen.

Bereit dazu wäre er. Aber seine Uhren warten auf ihn. Zusammen mit ihnen und seiner Frau bleibt er im Takt. Daher gelingt ihm das Leben. Für andere Formen von Selbstverwirklichung nimmt er sich keine Zeit.

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