Von der Welt der Tiere und der Menschen.- Im Odenkirchener Tiergarten

„Fährst du mit mir in den Tiergarten?“ Deine Frage überraschte mich. Als ich die Eintrittskarten löste, sagtest du beiläufig, dass du vor ein paar Wochen schon einmal hier warst. „Warum jetzt schon wieder?“ „Weil ich dir den Park zeigen will“, gabst du zur Antwort.

Du bist nicht mehr das kleine Kind, das irgendwo hin mitgenommen wird. Du willst die Welt selbst in die Hand nehmen und sie anderen so zeigen, wie du sie siehst. Das ist gut so. Wenn man erwachsen werden will, muss man ausprobieren, wie die Welt aussehen soll, in die man hineinwächst.

Ich ließ mich von dir führen. Der Weg führte uns zunächst zum großen Rotwild-Gehege. Hirsche seien heute die größten Wildtiere in unseren Wäldern, erfuhr ich von dir. In Biologie bist du gut in der Schule, da du dich für alles interessierst, was mit dem Leben zu tun hat. „Weißt du“, fragtest du mich, „dass Hirsche einen großen Lebensraum für sich beanspruchen?“ „Größer als deiner?“ fragte ich zurück. „Ja. Ich möchte auch einmal weit weg und nicht immer zu Hause sein.“ „So ähnlich wie die Hirsche“, bestätigte ich. Du nicktest. So ähnlich.

„Das große Geweih brauchen sie, um zu kämpfen“, informiertest du mich. „Vielleicht auch, um sich zu verteidigen“, ergänzte ich. Ja, sagtest du, gegen die Luchse müssten sie sich verteidigen. Ein Förster hatte dir gesagt, Luchse hätten früher in den Wäldern dafür gesorgt, dass es nicht zu viel Wild gab. Jetzt sorgten dafür die Jäger. Das fandest du total doof. Überall würden sich die Menschen einmischen, vor allem die Erwachsenen.

Begeistert warst du, als du mir die Zebramangusten zeigtest. Ich hatte noch nie  von ihnen gehört. Du aber wusstest, dass sie in ihrer Heimat Afrika in der Nähe von Gewässern wohnen, immer in Gruppen bis zu fünfzig Tieren. Das fandest du sympathisch. Gemeinsam seien die Tiere stark, meintest du. „Gemeinsam sind auch die Menschen stark“, wagte ich einzufügen. Das gefiel dir überhaupt nicht. „Dann verbünden sie sich gegen einen, der ihnen nicht passt.“

Du spürst, dass es nicht immer gerecht zugeht in der Welt, auch nicht in deiner Umgebung. Du gibst dich damit nicht zufrieden. Aber allein kannst du das nicht ändern. Du brauchst Verbündete – deine Klasse, Freunde und Freundinnen, deine Eltern und Geschwister. Mit wem du dich verbündest, hängt auch davon ab, welches Ziel du erreichen willst.

Auf unserem Weg durch den Tiergarten waren wir am Affenhaus angekommen. Die Hulman-Affen, die heiligen Affen Indiens, hatten es dir besonders angetan. Ein Pärchen schien sich darüber zu unterhalten, wie es ein Stück Brot teilen konnte. Es sah lustig aus, aber es machte dich nachdenklich. „Wenn sich auch die Menschen Gedanken darüber machen würden, wie sie das Brot teilen können, gäbe es weniger Hunger in der Welt.“ Deine Bemerkung überraschte mich. Ich stimmte dir zu.

Es war ein schöner Nachmittag mit dir im Tiergarten. Viele neue Eindrücke habe ich durch dich gewonnen. Ich habe verstanden, dass die Welt der Tiere etwas mit der Welt der Menschen zu tun hat. Du hast das wahrscheinlich immer schon gewusst.

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