Zwölfter Mann bei Borussia – Busfahrer und Zeugwart Marcus Breuer

Foto: Borussia

„Linie 1900“, 440 PS starker Luxusbus. Marcus Breuer hat bei der Anschaffung des Busses darauf gedrängt, dass der Tank möglichst groß ist. 750 Liter fasst er. Die reichen für dreitausend Kilometer Fahrt. An- und Abreise, Fahrten zum Trainingsplatz und zu Testspielen, Transfers zum Flughafen – insgesamt kommt Breuer in einer Woche gelegentlich auf zweitausend Kilometer Busfahrt.

Ein Bus mit besonderer Aura: An Bord ist das Mönchengladbacher Borussen-Team auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel in der Ersten Bundesliga. Die „wertvolle Besatzung“ soll sicher hin- und wieder zurückgebracht werden. Kurze und mittlere Strecken legen Fahrer und Team gemeinsam zurück. Bei längeren Strecken – nach München oder Berlin – fährt er die Route samt Ausrüstung allein vor.  Die Mannschaft reist später per Flugzeug an und wird am Flughafen von Breuer und seinem Bus aufgenommen. Das Navi sei zwar vorsichtshalber in Funktion, sagt er, aber wenn die Spieler zum wiederholten Mal zum selben Münchener Hotel gefahren würden, finde er sich allein zurecht.

Der Verein, die Borussia, die Spieler, alle schätzen ihn als Pragmatiker, der umsetzt, was notwendig ist. Sie schätzen einen Menschen, der sich beim Gespräch mit mir als lustiger Vogel bezeichnet. Für jeden Spaß sei er zu haben, ergänzt er. Lausbub ist er noch mit 48 Jahren, sympathisch und locker.

Er kam nicht als Busfahrer auf die Welt, sondern kann auch andere Dinge. Sein Geschäft „Sport Breuer“ in Jüchen bestätigt, über welche Qualitäten er auch verfügt. Stahl- und Betonbauer war er, ehe er zur Borussia stieß. In diesem Umfeld fühlt er sich wohl. Hier wird die Aufgeschlossenheit geschätzt, mit der er auf jemanden zugeht oder ihn an sich heranlässt. Frau Malter, die junge Volontärin, die bei unserem Gespräch anwesend ist, nickt zustimmend.

Borussia ist kein seelenloser Verein, in dem nur gegen den Ball getreten wird. „Wir sind wie eine Familien-Gemeinschaft“, betont Marcus Breuer. „Bei uns wird jedem geholfen, dem man helfen kann und der sich helfen lässt.“ Er wisse nicht, wie das bei anderen Vereinen sei. Für die Borussia-Fohlen, für den Verein insgesamt, sei es jedenfalls ein Markenzeichen. Jeder sei im wahrsten Sinn Borussia und gehöre dazu.

Nicht zufällig betreibt er ein Geschäft „Sport Breuer“ im Jüchener Ortsteil Gierath. Dort ist er zu Hause. Dort wohnen seine Freunde. Dort feiert er mit ihnen Schützenfest. Leider ist die Zeit dazu knapp bemessen, seitdem er bei Borussia engagiert ist. Am Wochenende, manchmal auch unter der Woche, arbeitet er bei und für Borussia. Wenn Borussia nicht spielt, wenn sie Sommer- oder Winterpause hat, wenn Marcus Breuer im Urlaub oder einfach daheim ist, dann träumt er nicht vom Fußball, sondern kümmert sich u. a. um seinen Garten. Oder er frönt seinem Krimi-Hobby. Ein Mensch lebt nicht vom Ball allein.

Dennoch geht er ganz im Fußball-Metier auf, und das seit mehr als zwanzig Jahren. Er ist verantwortlich für die Trainings- und Spielwäsche der Spieler. Ab Mitte der Woche beginnen die Vorbereitungen, wenn ein Auswärtsspiel ansteht. Der Bus wird bestückt mit den allen notwendigen Utensilien der Spieler. Die Trikots werden in vierfacher Ausfertigung eingepackt, dazu jede Menge anderes Material.  Es gibt eine vorgeschriebene Spieler-Ausrüstung, bestehend aus Hemd mit Ärmeln, kurze Hose, Stutzen, Schienbeinschoner, Schuhe. Torhüter dürfen lange Hosen tragen. Jeder Spieler hat zusätzlich fünf Sätze Trainingswäsche, dazu eine Garnitur für den Spieltag. Man verrät kein Geheimnis, wenn man sagt, dass Fußballspieler Ikonen der Mode und der Werbung geworden sind. Das, was sie anziehen, wird nicht nur auf dem Spielfeld registriert. Fußball-Profis sind Werbeträger, wenn das Spiel längst abgepfiffen ist.

Obwohl es Packlisten gibt, fragt sich der Zeugwart Breuer nach der Abfahrt oft, ob er etwas vergessen hat. Noch nie war das der Fall; dennoch kam es vor, dass er unterwegs den Bus stoppte und nachschaute. Während des Spiels sitzt Borussias nicht austauschbarer zwölfter Mann mit auf der Bank am Spielfeldrand. Er hält „Ersatzteile“ bereit, wenn z. B. ein Spieler sein Trikot wechseln muss. Natürlich fiebert er beim Spiel mit, da er nah genug dabei ist. Aber er hält seine Emotionen zurück. Vor Spielbeginn steht eine Besprechung mit dem Zeugwart der Gäste-Elf an. Es muss vereinbart werden, in welchen Trikots die Mannschaften auflaufen. Sie dürfen farblich nicht zu ähnlich sein. Deshalb muss der Schiedsrichter Trikots und Stutzen vorher zustimmen.

Marcus Breuer spielte zu Beginn der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als zweiter Torwart bei Gladbachs Amateuren in der Borussen-Jugend mit den späteren Profis Jörg Albertz, Karlheinz Pflipsen, Thomas Hoersen. Vereinzelte Kontakte pflegt er noch zu Ehemaligen. Er hat mit ihnen Siege gefeiert und Niederlagen erlitten. Mit aktiven Spielern, die im Schnitt zwanzig Jahre jünger sind als er, beschränkt er sich auf ein freundschaftliches Verhältnis. Jeder könne  kommen, wenn es etwas zu besprechen gebe. Gesunde Distanz tue dennoch gut.

Marcus Breuer – Borussias „zwölfter Mann“. Selbstüberschätzung ist nicht seine Art. Der Verein darf stolz auf ihn sein.

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