Unsere Tante Ju. Die Ju-52 im Flughafen-Hangar Mönchengladbach

„Am 4.8.2018 ist eine Ju-52 der Schweizer Ju-Air an der Westflanke des Piz Segnas (Region Glarus / St. Gallen) verunglückt. Alle 17 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.“

Die Meldung schockierte uns in Mönchengladbach. Die Rundflüge mit der unverwüstlichen, zuverlässigen, liebevoll Tante Ju genannten dreimotorigen Junkers Ju-52 waren ein Erlebnis für Groß und Klein. Der fliegende, legendäre Star mit dem Wellblech-Rumpf und den drei großen 9-Zylinder Sternmotoren. Wahrscheinlich das beliebteste und berühmteste Flugzeug Deutschlands. Die „Grande Dame“ der Luftfahrt.

Ju-52. Entwickelt – zusammen mit einem Team – vom Konstrukteur, Unternehmer, Forscher und Luftfahrtpionier Hugo Junkers; geboren am 3. Februar 1859 in Mönchengladbach-Rheydt. Er lebte und wirkte in Dessau / Sachsen-Anhalt. Dort gründete er 1919 die Dessauer Flugzeugwerke. Junkers plante einen einmotorigen Frachter; doch Erhard Milch, technischer Direktor der damaligen Deutschen Luft Hansa, empfahl eine dreimotorige Version für Passagierflüge. Junkers wollte ein Flugzeug bauen, „um Menschen und Nationen einander näher zu bringen“.

Viele Jahre im zivilen und militärischen Luftverkehr eingesetzt, war die Ju-52 das Standard-Flugzeug der 1930er Jahre. Sie landete auf kleinsten Äckern und wurde zum Mythos. In den 1930-er und 1940-er Jahren gehörte sie zu den meistgeflogenen, sichersten Verkehrsflugzeugen. Außerdem galt sie als sicher und bequem. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die deutsche Luftwaffe sie u. a. als Truppentransporter.

Weitere Dienstjahre nach Kriegsende in Norwegen und im Amazonasgebiet Ecuadors  machten sie „schrottreif“. 1984 „heimgeholt“, war eine komplette Überholung fällig. Sie wurde aufgerüstet, um im gewerblichen Luftverkehr einsetzbar zu sein. Der „Flug-Dinosaurier“ mit seiner wechselvollen Geschichte überlebte. Zu einem zweiten Weltumrundungsversuch wie im Jahr 2000 wird es vermutlich nicht kommen. Weil russische Behörden keine Landegenehmigung erteilten, blieb es nach der Hälfte der vorgesehenen Strecke damals beim Versuch.

Zur Ehrenrettung der „Unverwüstlichen“ sei vermerkt: Hugo Junkers behauptete sich gegen seine Skeptiker. Friedrich von Mallinckrodt, Leutnant der Fliegertruppen, berichtete: „Die Lage, vor der sich Ende 1915 Professor Junkers mit seinem ersten freitragenden Metallflugzeug gestellt sah, wird am besten dadurch gekennzeichnet, dass sich weder ein Flugzeugführer der Döberitzer Flieger-Ersatzabteilung noch ein Pilot der dortigen Prüfanstalt und Werft der Fliegertruppen dazu hergeben wollte, den unheimlichen Blechvogel (das Eindecker-Modell Junkers J1), zu fliegen. Die Kameraden warnten dringend, die „Kiste“ zu fliegen. Eine alte Fliegerkanone meinte, wir würden uns das Genick brechen. Da wir fest entschlossen blieben, sah man uns als ausgemachte Todeskandidaten an.“

Aus dem „Abenteuer- und Kriegsgerät“, aus der „fliegenden Kiste mit todesmutigen Piloten“ wurde ein anerkanntes Verkehrsmittel – ein aus Metall gebautes Flugzeug, mit hohlen Flügeln, aerodynamisch verkleidet, mit dem Ziel, Auftrieb zu erzeugen. Die Hamburger Kulturbehörde honorierte das Flugzeug 2015 als „bewegliches, fliegendes Denkmal“. Es repräsentiere deutsche Luftfahrtgeschichte, lautete die Begründung.

Sieben Exemplare sind in flugfähigem Zustand erhalten. In Deutschland eines bei der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung, die ihre Ju-52 das „Herzstück ihrer historischen Flotte“ nennt. In der Schweiz drei Exemplare bei der JU-Air. Die Ju-52 mit der Kennung HB-HOY als bisherige Schweizer Dauerleihgabe im Mönchengladbacher Hangar wünscht sich weitere Höhen-Flüge. Sie gehört zwar dem VfL, da sie jedoch von der schweizerischen Ju-Air betrieben wurde, kam es in der Vergangenheit zu Einsätzen in ganz Europa.

Beim engagierten „Verein der Freunde historischer Luftfahrzeuge“, 1991 von Mitarbeitern des Düsseldorfer Flughafens gegründet, freut man sich darüber, dass die z. Zt. beschäftigungslose „Tante“ am Mönchengladbacher  Flughafen ein gutes Unterkommen gefunden hat. Damit sie sich nicht aufs Altenteil abgeschoben vorkommt, haben Architekten für sie einen „Eventhangar“ aus Glas und Stahlträgern unter einem gewölbten Dach konstruiert. Hier verbirgt sie aber mehr, als sie von sich preisgeben kann. Ihr gegenwärtiges Stillstehen-Los hat sie sich nicht ausgesucht. Mehr oder weniger dient sie gegenwärtig zur Dekoration anderer Ereignisse im Hangar. Auf  ca. 1000 m² Fläche gibt es viel Platz für unterschiedliche Veranstaltungen. Die „Tante“ ist selten allein.

An die fünfzehn Jahre, die sie auf der Besucherterrasse des Düsseldorfer Flughafens herumstand, möchte das Kultur-Denkmal nicht erinnert werden.

Ein Anliegen, das der genannte Verein auf seiner Homepage formuliert, ist „die Förderung des öffentlichen Interesses an der Geschichte und Gegenwart der deutschen Luftfahrt. Der Verein verfolgt das Ziel, die JU-52 und das Andenken an die Leistungen Hugo Junkers kontinuierlich zu erhalten, zu erweitern und angemessen attraktiv zu präsentieren. Die Vereinsmitglieder arbeiten seit fast 20 Jahren für den Erhalt eines fliegenden Kulturgutes.“

Liebe Tante Ju. Erhalte in uns die Illusion deiner Unvergänglichkeit. Für uns bleibst du  unsterblich, wenn auch die Zeiten über dich hinweggegangen sind und du inzwischen 69 Jahre alt geworden bist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinen sich in dir. Wir möchten uns nicht von dir verabschieden, wenn auch dein ursprüngliches Heimatland angeblich darüber nachdenkt, dich eventuell zurückzuholen. Für das Jahr 2019 kann man dich jedenfalls wieder buchen.

Unsere Langzeitbeziehung mit dir werden wir nicht aufkündigen, und unser Staunen über deine Lebensleistung ist dir für immer sicher. Du bleibst „unsere Tante Ju“.

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