Die Kinder kommen

Sie saß immer auf dem Stuhl am Fenster. Ich war nicht sicher, ob sie zuhörte, wenn ich vorlas. Ihre Augen wanderten nach draußen und durchdrangen die Fensterscheiben. Sie schien jemanden zu erwarten.

Irgendwann kam ich mit ihr ins Gespräch. Ihre Augen blieben auf das Fenster gerichtet. „Sie erwarten Besuch?“ Als hätte sie auf ein Stichwort gewartet, erfolgte postwendend eine Antwort. „Die Kinder kommen.“

In wenigen Tagen war Weihnachten. Schön, dass sie Besuch erhielt von ihren Kindern. Nicht alle Bewohner des Altenstifts konnten auf einen Besuch hoffen.   „Wohnen die Kinder in der Nähe?“ Ich nahm den Gesprächsfaden wieder auf. „Haben Sie Enkelkinder?“ Meine Fragen verstand sie nicht oder überhörte sie. Ihre Augen blieben nach draußen gewandt, angestrengter als zuvor. „Die Kinder kommen.“

„Ja“, erwiderte ich. „Wahrscheinlich kommen sie heute.“ Irritiert zog ich mich zurück. Auf der Station erfuhr ich, dass Sohn und Tochter vor einem halben Jahr auf der Fahrt zu ihrer Mutter tödlich verunglückt waren. Niemand hatte sich dazu durchgerungen, ihr diese Nachricht zu überbringen.

Heute und gestern waren keine erinnerbare Zeiteinheit mehr für sie. Ihre Zeitreise war rückwärtsgewandt. Körperlich war sie anwesend. Die Gedanken  hielten sich in anderen Zeiten und Räumen auf.

Als ich das nächste Mal kam, blieb der Stuhl am Fenster unbesetzt. Mein Blick durchstreifte den Raum. Die Gesuchte war nicht anwesend. Sie war am ersten Weihnachtstag zu ihren Kindern gegangen.

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