O Tannenbaum

„Was will dein Kleid mich lehren?“ So dröhnt es aus dem Lautsprecher. Was es mit dem „Kleid“ und dem „lehren“ auf sich hat, habe ich als Kind nie verstanden. Am Nachmittag vor Heiligabend wurde im „besten Zimmer“ der Tannenbaum aufgestellt – Bauerngarten-Exemplar, nicht Nordmann- oder Edeltanne. An ihn hingen wir Kinder ein paar Äpfel, die auf einem Lattenrost im Keller lagerten. Einige sahen angeknabbert aus. Dass sich Mäuse für sie interessiert hatten, dementierte Mutter, obwohl eine Mausefalle unter dem Regal stand.
Was hätte mich das Äpfel-Kleid lehren sollen? Dass wir kein Geld für Christbaumschmuck hatten und Äpfel das brüchige Lametta ersetzten?

Auch mit „Hoffnung und Beständigkeit“ hatte mein kindlich begrenztes Auffassungsvermögen Probleme.  Es konnten nicht die Äpfel sein, die immer unansehnlicher wurden. Auch nicht das Lametta, dessen traurige Reste nicht für den Tannenbaum im nächsten Jahr aufbewahrt werden mussten. Auch war nicht daran zu denken, auf besondere Gaben zu hoffen, die Heiligabend unter dem Tannenbaum liegen würden. Die neuen Strümpfe, die Mutter gestrickt hatte, trug ich schon seit geraumer Zeit.

Ich erkannte es nicht, obwohl das mit der Beständigkeit logisch war: Tannenbäume sind grün, solange sie nicht abgeholzt und ins warme Zimmer gestellt werden. Sie scheinen nicht der Vergänglichkeit unterworfen zu sein wie andere Dinge. Dass sie nicht die Nadeln verlieren, ist zwar eine optische Täuschung, aber insgesamt bleiben sie grün – Kontrast zu ihren nadellosen, laublosen Nachbar-Bäumen im Winter.

Beständigkeit sei der Schlüssel zum Erfolg – mit diesem Spruch wirbt eine Firma und preist ihre Produkte an. Vielleicht gilt auch das nur, wenn sie nicht ins warme Zimmer geholt werden.

Spätestens am Neujahrstag nadelte der Tannenbaum. Er war nicht Wochen vorher in irgendeinem Wald abgeholzt und auf Reisen geschickt worden. Kürzlich hatte er noch in unserem Garten gestanden. Dennoch zeigte sein Kleid Spuren der Vergänglichkeit. Die Hoffnung, dass er grün bleiben werde, erwies sich als trügerisch. Beweis für die Zerbrechlichkeit der Welt, erklärte man mir später.

Beständigkeit musste neu definiert werden. „Nur, wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Leider hatte ich davon bisher nichts gehört. Ob das nadelnde Kleid mich lehren sollte, ein Tannenbaum bleibe Tannenbaum, auch wenn er nadelt? Wenn das so ist, beruhigt mich das. Tannenbäume sind auch dann Tannenbäume, wenn ihr Kleid nicht mehr ganz grün ist und die Anzahl ihrer Nadeln eine rückläufige Tendenz aufweist. Nichts ist so beständig wie Unbeständigkeit. Schade, dass ich das erst erkannt habe, als ich schon erwachsen war.

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