Wenn Gesten mehr als Worte sagen – Von einem kompetenten, angemessenen Umgang mit Demenz-Erkrankten

Mit der lebenserfahrenen, in einem Mönchengladbacher Seniorenheim tätigen, qualifizierten Betreuerin bin ich zum Gespräch verabredet. Sie begleitet Menschen, die mit dem Verlust ihrer körperlich-geistigen Leistungsfähigkeit und dem quälenden Verlöschen ihrer Persönlichkeit zu kämpfen haben. Sie leiden, heißt es in der Fachsprache, an einem „dementiellen Syndrom“, einem Zusammentreffen verschiedener Symptome, wodurch die Erkrankung ausgelöst wird.

Manchmal ist ihnen im wahrsten Sinn ein Existenz-Minimum geblieben, überzogen mit der Patina einer verflossenen Zeit. Das Gefühl für Zeit haben sie in der Regel verloren. Nichts im Leben hat Ewigkeitsanspruch. Vom Leben selbst haben sie sich deswegen nicht verabschiedet.

Wie geht ein gesunder Mensch, der seine persönlichen Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken, sie aufschieben und einer Situation anpassen kann, mit Personen um, die ihre Bedürfnisse häufig nicht mehr mit Worten mitteilen können?

„Personen, um die ich mich kümmere“, sagt die Betreuerin, „haben nicht alle Wünsche und Begierden hinter sich gelassen, wenn sie hier aufgenommen werden.“ Es sei für ihre Pflege unterstützende Tätigkeit hilfreich, wenn sie in einen Personalbogen, eine „vita“, hineinschauen dürfe, welche das Heim über eine Bewohnerin bzw. einen Bewohner angefertigt hat: Welche Vorlieben wurden von daheim in die neue Umgebung mitgebracht? Was wurde gern bzw. nicht gern gegessen? Welche Kleidung wurde bevorzugt? Wie war der übliche Tagesablauf? Frühaufsteher? Langschläfer? Gab es Hobbies, Lieblings-Beschäftigungen? Es sind keine Menschen ohne Geschichte und ohne Vergangenheit. Eine Funktion, die jemand ausübte, sollte man kennen, Leistungen, die jemand erbracht hat, sollte man ansprechen und herausstellen.

Nicht immer könne eine pflegebedürftige Person persönlich Auskunft über sich geben. Dann erkundige man sich bei den Angehörigen z. B. darüber, ob Frau A. bzw. Herr B. nachts auf dem Rücken oder der Seite liegen. Nicht nur für die Pfleger, die beim An- und Ausziehen und beim Zu-Bett-Gehen Unterstützung leisten, seien das hilfreiche Informationen. Auch sie als betreuende Kraft berücksichtige das bei ihrer Tätigkeit und könne so zum Wohlbefinden der zu umsorgenden Person beitragen.

Auf dem Tisch, an dem ich mit ihr sitze, hat sie große Folien-Bilder ausgebreitet. Ein Foto mit reifen, roten Erdbeeren ist dabei. Ich glaube das Aroma zu spüren und den Duft wahrzunehmen, die sie von sich geben. So verführerisch sind sie dargestellt. Wenn die Sprache eines Patienten verschüttet ist, müssen nicht auch alle anderen Wahrnehmungen versiegt sein. Die Betreuerin hat sich kundig gemacht, dass ihrem Patient Erdbeeren im heimischen Garten vertraut waren. Sie ruft Erinnerungen wach und unterstützt sie mit einem deutlichen und lauten „Hm“, „lecker“. Sie begleitet ihre wenigen Worte mit ausdrucksstarker Mimik – weit geöffnete, auf die Person gerichtete Augen, die Blick-Kontakt suchen, sowie Gebärden, die Freude und Esslust signalisieren.

Auf der Folie zeichnet die demente Person mit einem Finger die süßen Früchte nach. Vertrautes wird lebendig. Es ist wie ein Erweckungserlebnis. Die Hilfe Anbietende und Hilfe Empfangende kommunizieren miteinander „mit allen Sinnen“. Die Welt kann so einfach sein.

Der weitaus größte Teil an Informationen geschieht wortlos, „non-verbal“. Bedürfnisse werden mehr über die Körpersprache als über Worte ausgedrückt. Die Betreuerin kann eine Person, die sie aufsucht, mit „Hallo, Frau A. Heute ist wunderschönes Wetter.“ begrüßen. Wichtig ist jedoch, dass sich das „schöne Wetter“ auf ihrem Gesicht, in ihrer Gesichts-Mimik und in ihren Gesten widerspiegelt und bestätigt wird.

Meine Gesprächspartnerin erwähnt das Beispiel einer Dame, die seit fünf Jahren von ihr betreut wird. Sie hat die Sprache verloren, transportiert aber mit einer lebhaften Gestik alles, was in ihr und um sie herum vorgeht. Manchmal sitzt sie in ihrem Trippel-Stuhl, mit dem sie sich „trippelnd“ fortbewegt,  auf dem Flur und erwartet die Betreuerin. Wenn sich die Dame an diesem Tag wohlfühlt, trippelt sie mit offenen Armen auf diese zu und wird von ihr mit gleichfalls offenen Armen empfangen. Nicht ungewöhnlich ist es, wenn der Stuhl nicht zum „Trippeln“ genutzt wird, weil die Dame mit abwehrenden Handbewegungen signalisiert, dass sie heute nicht „empfangsbereit“ ist und  nicht auf jemanden zutrippeln will.

An dieser Stelle mache ich einen Einschnitt, obwohl ich erst einen Teil von dem wiedergeben habe, was mir in diesem „Tisch-Gespräch“ vermittelt wurde. Es hat mich bewegt und berührt. Ich habe erfahren, dass demente Personen keine Reise ins Ungewisse antreten, wenn kundige, einfühlsame Personen an ihrer Seite sind. Vom Versiegen und Vergehen des Lebens wird niemand verschont. Sachkundige, verstehende Betreuung, die zusätzlich zur Pflege angeboten wird, kann aber dazu beitragen, dass jedes Leben lebenswert bleibt. Vielleicht gibt es ein Echo auf diesen Bericht. Eine Weiterführung der Thematik  kann ich mir vorstellen.

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