Ich wollte fasten. Dann las ich das Kleingedruckte

„Sie wohnen in schönen, geschmackvoll eingerichteten Ferienwohnungen. Für Gemütlichkeit und Entspannung sorgt ein Fastenhaus.“

Suchte ich danach? Regeneration von Körper, Geist und Seele versprach mir die Anzeige. War es an der Zeit, meinen Körper zu entschlacken und zu entgiften und für geistige Klarheit zu sorgen? Die Anzeige bestätigte es. „Man braucht weniger, als man hat.“ Der Slogan hat seinen Reiz.

Das Gläschen Sekt und ein Stück Kuchen würde ich eine Weile entbehren können. Der Fastende werde verwöhnt mit Säften, Tees und Fastensuppen, wurde zugesagt. Entschlackung, Selbsterfahrung, vor allem Loslassen seien wie eine Reise zurück zu inneren Werten. Körper und Geist würden es mir danken.

Doch konnte ich mich nicht entschließen, für diese Entgiftung ein Fastenhaus aufzusuchen. Auch Gemüsesaft und Buttermilch, verbunden mit Atemübungen, Mittagsruhe und Leberwickel, erwiesen sich nicht als Motivationsschub.

Ich wollte fasten. Musste ich deswegen Selbstgeißelung für Körper und Geist auf mich nehmen? Der Ernährungsexperte in mir warnte mich vor dem Fastenexperten.

Ich suchte nach Alternativen und wurde fündig: Fasten im Kloster. Fastenurlaub im Himalaya.

Der Himalaya war weit weg. Fasten an der Ostsee bot sich an. „Lassen Sie sich verzaubern vom Charme der Ostseeküste. Entspannen Sie in den Küstenwäldern und in der Weite der Strände.“ Wandern baue Stress ab und fördere die Entschlackung, stand im Prospekt. Ich wusste zwar nicht, welche Schlacken ich mit mir herumschleppte, aber mein Interesse war geweckt.

Dann las ich das Kleingedruckte. „Täglich um 9.00 Uhr treffen wir uns zum Obstfrühstück, besprechen den Tag, füllen die Trinkgefäße, nehmen den Frühstückstee zu uns. Gegen 10.00 Uhr brechen wir auf. Am Abend gibt es Früchte zur Auswahl.“

Der Ernährungsexperte meldete sich wieder. Warum gab es den Charme der Ostsee nur in Verbindung mit Tee und Früchten?

Zum Glück wurde eine Alternative angeboten. „Kohlsuppenfasten und Wandern an der Ostsee“. Kohl sei gut für die Nerven. Kohl helfe bei Schlafstörungen.

Kohlsuppenfasten machte mich neugierig, da kein Verzicht auf feste Nahrung damit verbunden war. Ich konnte essen, so viel ich wollte. Immer war ich satt und gut gelaunt. Zusammen mit dem Wandern schien das ein ideales Angebot zu sein.

Dann las ich das Kleingedruckte. Eine Woche lang Kohlsuppe; morgens, mittags und abends. Welche Ernährungsexperten hatten sich das ausgedacht? Jeden Tag Kohlsuppe? Meine Fasten-Bereitschaft ließ merklich nach.

Ich wollte aufgeben. Da entdeckte ich eine Fastenreise zur Blumeninsel Madeira. Die Lobeshymnen der Teilnehmer nahmen kein Ende. Sie seien zum dritten Mal dort gewesen; immer temperamentvoll und lustig waren die Tage. Ob ich das richtige Angebot gefunden hatte?

Dann las ich das Kleingedruckte. Flugkosten. Hotelkosten. Tagungskosten. Materialkosten. Die Kosten reichten aus, mich ein Jahr lang verwöhnen zu lassen in meinem Schlemmer-Restaurant.

Musste ich verreisen, um irgendwo fasten zu können? Musste ich Geld ausgeben, um nichts zu essen zu bekommen?

Wenn Fasten mit Verzichten zu tun hatte, konnte ich sofort damit beginnen. Ich verzichtete auf das Fastenhaus und Fastenreisen, auf Fastenwandern und  Fastenurlaub. Fasten war einfacher als ich gedacht hatte.

Zur Fastenzeit Seefisch und Predigt, empfehlen die Franzosen. So lässt sich gut fasten. Niedrig gesetzte Ziele sind mir sympathisch. Ich muss keine Heldentaten vollbringen, da ich weiß, wie abrupt Höhenflüge enden.

Die Mönchengladbacher Karnevalsgesellschaft lädt nach bewährtem  Brauch am Aschermittwoch zum Fischessen ein und übt sich nach intensiven Karnevalswochen im Verzichten. Fisch enthält Aminosäuren und deckt den Eiweißbedarf ab. Fisch ist, so versichern fastende Fisch-Experten, cholesterinarm. Auf die Predigt kann man später zurückkommen.

Am Aschermittwoch, zum Beginn der Fastenzeit, habe auch ich mit dieser Art  Verzicht begonnen. Je nach Bedarf werde ich den Fasten-Ein- und Ausschalter bedienen. Bis zum nächsten Elften im Elften verzichte ich zusätzlich auf karnevalistische Sprüche und Taten.

Noch nie habe ich so gern gefastet.

3 Kommentare zu "Ich wollte fasten. Dann las ich das Kleingedruckte"

  1. Peter Josef Dickers | 14. März 2019 um 15:20 | Antworten

    Ich bin natürlich kein Fasten-Gegner.

    Die von Aschermittwoch bis Ostern vierzig Tage dauernde Fastenzeit hat einen Sinn, nicht nur in diesem Zeitraum. Jeder regelt das Fasten individuell und prüft, was ihm gut tut.

    Vom französischen „quarante“, vierzig, ist die „Quarantäne“ abgeleitet. Man verhängte eine vierzigtägige Isolierung von Pest-Kranken, um eine Epidemie zu vermeiden.

    Fasten sollte einen Neuanfang ermöglichen. „Herrenspeisen“ (Fleisch, Wild etc.) sollten jene nicht verzehren, die sich solche Speisen leisten konnten. Die Durchschnitts- Bevölkerung ( „Kraut- und Rüben-Fresser“) kam ohnehin nicht in diesen Genuss.

    Im Mittelalter konnte jemand bestraft werden, wenn er das Fastengebot ignorierte. Eingesperrt werden bei Wasser und Brot sowie Stockschläge galten noch als milde Strafe, das Ausreißen von Zähnen als weniger mild.

  2. Peter Josef Dickers | 12. März 2019 um 10:00 | Antworten

    „Niedrig gesetzte Ziele sind mir sympathisch“, habe ich geschrieben, Herr Mahn. Warum sollen Mindestlohn und Hartz IV nicht zum Fasten reichen? Wer fasten will, muss kein Geld ausgeben.

  3. Für große Teile der Menschheit bedeutet die „Fastenzeit“, ihr könnt weiterleben wie bisher. Sie brauchen nicht so weit zu denken wie im Artikel beschrieben. Sie kommen nicht mal bis zum Kleingedruckten. Solche Werbung sollte nicht stattfinden.
    All diese Wohltaten sind doch nur für gutbezahlte Beschäftigte oder Rentner mit hohen Ersparnissen.
    Menschen mit Mindestlohn oder Bezieher von Hartz IV sollten diese Story nicht lesen.

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