Demenz-Kranke : Eine Krisensituation bewältigen helfen – Teil 2

Kaum ein Wort kommt bei dementiell veränderten Menschen so oft vor wie „Mutter“ und der Ruf nach „Mama!“

Auch heute wieder eine Begegnung, wie sie in der Form besonders häufig ist.

Die Bewohnerin um die es geht, sitzt im Gemeinschaftsraum und kommt nach der Begrüßung mit in ihr Zimmer. Dort lässt sich ohne andere Ohren und Augen, entspannter miteinander umgehen.

„Ich warte auf meine Mutter. Die kümmert sich einfach nicht.“ Tränen in Augen und Stimme. Welche Optionen gibt es? Die Wahrheit! Die Wahrheit ist, die Dame ist in den Neunzigern, die Frage nach Vater und Mutter ist somit für niemanden aus Pflege und Betreuung eine Überlegung. Die Bewohnerin sagt uns wo sie steht, wer sie ist. Vielleicht ein Kind, vielleicht eine junge Erwachsene. In jedem Fall in einem Alter, in dem es normal ist, daß die Mutter kommt. Was, wenn sie jetzt hört: „Wie alt sind sie denn selber? Und dann überlegen sie mal, wie alt ihre Mutter sein müsste. Ihre Mutter ist schon lange tot.“ Genau das habe ich einmal beobachten müssen.

Erstens weiß die alte Dame nicht wie alt sie ist. Außerdem kann sie der aufgezeigten Logik nicht mehr folgen. Und schließlich: KRISE!! Da erfährt sie, die gerade auf ihre Mutter wartet, daß die jetzt tot ist. Die Fassungslosigkeit der Bewohnerin kann man sich vorstellen. Ein Schock, wenn die Nachricht über den plötzlichen Tod eines Elternteils kommt. Und das sollten wir dieser alten Bewohnerin ohne Not antun?

So dement die Bewohnerin ist, so braucht sie doch bei vielen Dingen eine für sie plausible Antwort auf ihre Fragen, wenn sie die auch wenig später wieder vollkommen vergessen hat.

Es ist kurz nach dem Mittagessen. “ Schauen sie mal, es ist jetzt kurz nach 13:00h. Da hat Mutter einiges zu erledigen. Erst kochen, essen, abräumen, spülen, Küche aufräumen. Sie kennen das. Mutter konnte das bis jetzt nicht schaffen. Es ist ja noch früh.“ „Ja, jetzt wo sie’s sagen.“ 10 Minuten später dieselbe Frage, eine ähnliche Antwort. Und so vergeht der Tag mit einer ruhigen, zufriedenen Bewohnerin, denn das ist sie nach der Antwort jedesmal. Eine Mutter hat immer zutun. Notfalls kocht sie gerade Marmelade, wenn die Jahreszeit dafür passt. Unserer Phantasie sind nur insofern Grenzen gesetzt, als unsere Antworten nachvollziehbar und nicht übertrieben sein dürfen.

Das Wichtigste, der Kernpunkt des Ganzen: Es geht nicht darum einen Menschen in seiner besonderen Lebenssituation möglichst clever zu belügen. Es geht darum ihn einfühlsam und respektvoll vor Ängsten, körperlichen und seelischen Schmerzen, Bedrohungen und Stress zu bewahren. Gerät ein dementer Mensch in eine Krise, wird er zu einer Gefahr für sich und Andere. Verletzungen kann er sich zuziehen oder anderen zufügen. Dieser außer sich geratene Mensch, der nicht mehr ansprechbar ist, kann in diesem Zustand sogar versterben, weil der Organismus dieses hohe Stresslevel nicht mehr kompensiert. Wird ihm sein „Krisenmedikament“ verabreicht, schläft er nach einer Weile in der Regel bis weit in den nächsten Tag hinein. Nach dem Erwachen ist er immer noch für einige Stunden schläfrig und verlangsamt, gerät schnell in ein Flüssigkeitsdefizit, weil Hunger und Durst nicht empfunden werden. Der Tag-Nacht Rhythmus ist meist gestört, das Sturzrisiko in dieser Phase liegt eklatant hoch, und es ist nicht möglich, eine Pflege- oder Betreuungskraft zur Begleitung abzustellen, bis der Bewohner seine gewohnte Befindlichkeit wiedererlangt hat.

Gibt es eine Alternative in einer solchen Situation? Wahrheit um jeden Preis? Nein. Behüten und bewahren, immer die Würde und das Wohl des Betroffenen im Fokus, das ist ein gangbarer Weg.

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