Demenz-Kranke – „Na, Jung“

Aha, diesmal bin ich „der Jung“. Schon lange kenne ich die Bewohnerin. Bei jedem Besuch schlüpfe ich in eine andere Rolle. Gut, dass sie mich immer entsprechend begrüßt; dann habe ich eine Minute Zeit für die Verwandlung. Also heute „der Jung.“ Einen Sohn gibt es nicht. Keine Ahnung, wer gerade das Zimmer betreten hat. Allerdings ist das auch nicht wichtig. Welche Hinweise bekomme ich? Das allein zählt. Zeit zum Überlegen lässt sie mir nicht. Gebündelte gute Laune und quirliges Temperament finde ich bei ihr immer. „Weißte noch, bei der Hochzeit damals, vor dem Essen?“ Sie hält sich den Bauch vor Lachen. Jetzt mitlachen: „Du liebe Zeit, wer könnte das vergessen.“ „Wie das ganze Zeug da lag.“ Dabei werde ich lachend an der Schulter angestupst. „Ich seh’s noch, als wäre es gestern gewesen.“

Keine Idee, wessen Hochzeit, wann, wo, was passiert ist. Zurückhaltend antworten, wohldosiert. Ich war dabei; dieser Eindruck soll entstehen und bleiben. Würde ich jetzt sagen, dass ich nicht weiß, wovon die Rede ist, wäre das Lachen schlagartig vorbei. Stattdessen Unsicherheit.  Schluss mit dem Spaß.

Wir reden und lachen noch ein Viertelstündchen. Als ich mich verabschiede, lasse ich eine Bewohnerin zurück, die nur auf den „Jung“ gewartet und Tränen mit ihm gelacht  hat. Ich werde nie erfahren, was wirklich war.

Auf dem Flur hakt sich eine andere Bewohnerin bei mir ein. So sei sie immer mit ihrem Mann spazieren gegangen. Unsere Schritte lenke ich in Richtung Speisesaal, weil ich dorthin wollte. Kurz bevor wir plaudernd mein Ziel erreichen, kommt uns die Tochter meiner Begleiterin entgegen. Ehe sie uns begrüßen kann, tritt die Bewohnerin einen Schritt vor, dreht sich zu mir um, mit einer entsprechenden Handbewegung: „Darf ich ihnen meine Mutter vorstellen?“ Ungläubigkeit auf dem Gesicht der Tochter. Das kannte sie noch nicht. Ich auch nicht. Den Augenblick der Sprachlosigkeit kann ich nutzen, der Tochter mit den Augen zu signalisieren,  dass sie mitmachen soll. Sie ergreift meine  Hand, schüttelt sie wortlos. Der Bewohnerin einen Arm um die Schultern legen, der „Mutter“ versichern, dass sie ein ganz liebes Mädchen hat, auf das sie stolz sein kann, beendet die Begegnung. Ein ausführliches Gespräch haben Tochter und ich später unter vier Augen. Angehörige von Dementen brauchen Begleitung. In manchen Situationen sogar mehr als die Erkrankten. Wenn Demenz eine Familie trifft, gibt es nur Betroffene.

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