Demenzgesichter – Berührende Begegnungen

Die Gebetsfahnen im zentralasiatischen Tibet knattern in den Wind-Böen. Es ist bitterkalt, aber die Kulisse  lässt das fast vergessen. Betörender Duftnebel der Räucherstäbchen in indischen Tempeln. Für die meisten von uns ein Abenteuer: Übernachtung in der Jurte, einem Nomadenzelt. Ein Kamel im ägyptischen Gizeh steht nicht willig auf, um einen Gast zu den Pyramiden zu tragen, sondern weigert sich einfach. Auch das gibt es, weiß mein Gesprächspartner.   Dass ein Staatsbesuch kommt, auch daran gewöhnt man sich.

 Ein beeindruckendes Leben. Er lässt mich daran teilhaben. Immer wieder. Bei jeder Gelegenheit erzählt er mit glänzenden  Augen. Nur hin und wieder sucht er nach dem passenden Wort. Beim Verabschieden sagt er: „Schön, dass Sie da waren; aber ich weiß, dass ich Sie in zehn Minuten vergessen habe.“

Ab diesem Tag reden wir offen über die Veränderungen. die er bei sich beobachtet. Er spricht über seine Ängste und Sorgen, über seine Hilflosigkeit. Er will ehrliche Antworten auf viele Fragen. Er bekommt sie. Er ist zufrieden und vertrauensvoll. Die Schwierigkeiten, sich zu artikulieren, nehmen zu. Dann vor wenigen Wochen: „Meine Vergangenheit geht weg. Ich weiß, dass ich schöne Erinnerungen habe; aber mir fällt keine mehr ein. Jetzt verschwindet alles, was war?“ Tränen in den Augen, auch Panik.

Ich mache einen Versuch. Wie wird er reagieren?  Begebenheiten aus seinem Leben nehmen den Weg zurück zu ihm, mit meinen Worten, aus meinem Mund. Ein Lächeln, den Kopf wiegen. Beim nächsten Besuch dasselbe. Am Ende ein klarer Moment.  Seine Hände auf meinen Schultern: „Meine Vergangenheit scheint bei ihnen zu sein. Schön, dass Sie mir davon abgeben.“ 

An einem Fenster im Flur fällt mir eine Bewohnerin in ihrem Rollstuhl auf. Sonst lebhaft, heute matt. Ich gehe zu ihr. Wir schauen uns an. Normalerweise umarmen wir uns zur Begrüßung. Heute reicht ihre Kraft in den Armen nicht. Von oben herab auf den Rollstuhl gefällt mir nicht. Besser: In die Hocke gehen oder in die Knie, damit wir auf Augenhöhe sind. Die Bewohnerin legt ihren Kopf in meine Halsbeuge. So verbleiben wir wortlos, bis sie sich löst und mit ihrem Stuhl langsam wegrollt.

Auf dem Sofa im Eingangsbereich ein vertrautes  Gesicht. Nach der Begrüßung will der Bewohner nur eine Hand festhalten und streicheln.  Seine Augen sind geschlossen. Nach ein paar Minuten  geht sein  Atem ruhig und gleichmäßig. Meine Hand ziehe ich langsam aus der Seinen zurück und gehe leise weg. Ruhige, berührende Begegnungen. Bei aller Professionalität: Jetzt braucht auch die Betreuungskraft, die Pflegende etwas, das ihr inneres Gleichgewicht wieder stabilisiert.

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