Unterwegs auf der Donau. Ein bulgarisches Höhlenkloster

Foto: PJD

Das Höhlenkloster Erzengel Michael bei Ivanovo sowie das des Heiligen Dimitar Basarbowski bei Basarbovo wurden uns als lohnende, kulturelle Ziele empfohlen. Sie liegen zehn bzw. zwanzig Kilometer von der bulgarischen Stadt Ruse an der Donau entfernt, im Naturpark „Russenski Lom“ mit den vielen Karsthöhlen. Leider war aus Zeitgründen nur ein Abstecher nach Ivanovo möglich.

Die bulgarische Professorin für Literatur und Kunstgeschichte, die perfekt Deutsch sprach und unsere Gruppe führte, erwies sich als Glücksfall. Wir wussten nichts von der Bedeutung der Höhlenklöster in der bulgarischen Geschichte. Wir hatten nur von ihnen gehört.

Elena verzieh unser Nichtwissen. Überrascht sei sie, dass westliche Besucher wenig informiert seien über bulgarische Kunst- und Kultur-Schätze. Elena überfrachtete uns nicht mit Wissen. Sie begleitete uns über Treppen und durch Gänge mit kleinen Kapellen und Kirchen. Diese waren in die Felsen gehauen oder in die Karsthöhlen eingebettet worden. Sie waren mit großflächigen Malereien ausgestattet.

Das Kloster „Erzengel Michael“ besteht aus zwanzig kleinen Kirchen, Kapellen und Zellen. Es trug im Mittelalter zur Entwicklung religiöser und geistiger Kultur in Bulgarien bei. Aus Fels-Höhlen wurden Mönchs-Zellen. Die Muttergottes-Kirche zählt zum UNESCO-Kulturerbe. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts lebten Mönche hier. Danach verfiel das Kloster.

Dass der Weg vom Busparkplatz hierher über mehr als einhundert unförmige, in die zerklüftete Karst-Landschaft gehauene Steinstufen führte, fanden nicht alle gut. Es wäre den vorher erfolgten Informationen zu entnehmen gewesen, dass der Aufstieg nicht Rollator-gerecht war.

Dann standen wir vor den Fragmenten, den bruchstückhaft, aber gut erhalten gebliebenen Fresken der Kirche der „Heiligen Gottesmutter“. Entstanden im 14. Jahrhundert, gelten sie als Krönung mittelalterlicher bulgarischer Kunst. Die Fresken illustrieren zentrale Ereignisse aus dem biblischen Neuen Testament. Neben Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers werden die letzten Tage vor Jesu Tod dargestellt. Die „Drei Frauen am Grab“, die „Fußwaschung“ und die „Verklärung Christi“ hinterließen bei mir den nachhaltigsten Eindruck.

Elena hatte schon oft Besucher hier her geführt. Dennoch ließ sie sich von den Darstellungen so ergreifen, als sei es ihre erste Begegnung mit ihnen gewesen. Die harmonischen Pastell-Farben, die ausdrucksstarken Gebärden, die angedeuteten Landschaften erzeugten Bewunderung. Elenas Ergriffensein sowie ihr Enthusiasmus wirkten ansteckend und übertrugen sich auf ihre Zuhörer.

Dennoch vereinzelte skeptische Blicke. „Ist das echt?“ Elena entgingen sie nicht. Es folgte kein strafender Verweis einer Professorin. Behutsam seien die Malereien konserviert worden, ging sie indirekt auf die Skeptiker ein. Restaurierungen habe man nicht vorgenommen.

„Wer hat das gemalt?“ Ein junger Mann, der nicht zur Gruppe gehörte, forderte Elena heraus. Es gelang ihm  nicht. „Das weiß man nicht genau“, erwiderte sie. „ Die Künstler waren darauf  bedacht, im Hintergrund ihres Schaffens zu bleiben.“  Wie bei der Ikonen-Malerei traten sie hinter ihr Werk zurück und signierten es nicht, was später üblich wurde. Auch viele Dombaumeister des Mittelalters sind namentlich nicht bekannt. Im hinterlassenen Steinmetzzeichen machen sie deutlich, dass die Zusammenarbeit der Künstler das Werk schuf.

Die Klosteranlage ist heute Ziel für Touristen und Kunstkenner und wird mit  Leben gefüllt. Dass sie wie auch andere Klöster ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllt, ist nicht Schuld der Türken. Sie wurden immer mehr vernachlässigt. „Zweckentfremdet“ nutzt man sie nicht wie Kirchen bei uns, in denen kein Gottesdienst mehr stattfindet.

Als ich das ansprach, reagierte Elena höflich zurückhaltend. Ob die Kirchen nicht kulturelle Objekte seien, fragte sie, fast behutsam, wie mir schien, um mich nicht zu verletzen. Die Reise-Gruppe sei ein Beleg dafür, wie sehr Geschichte und Gegenwart miteinander verflochten seien trotz unterschiedlicher Inhalte. Man dürfe nicht beseitigen, was uns an das erinnere, was gestern und vorgestern war. Mönche würden nicht in die ehemaligen Klöster einziehen. Damit seien die Geschichte der Klöster und deren Spiritualität aber nicht beendet. Sie seien Zeugnisse der Orthodoxie und für die Menschen heute.

Elenas Worte klangen lange in mir nach.

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