Reise nordwärts. Einstimmung

Er gilt als erster Europäer, der mit einer Flotte auf dem Seeweg um Afrika herum Indien erreichte. Dort will ich nicht hin, obwohl das Schiff, auf dem ich eine Kabine gebucht habe, seinen Namen trägt. Fünfhundert Jahre nach der höchstwahrscheinlich abenteuerlichen Reise des portugiesischen Edelmanns prangt sein Name auf dem Bug eines Meereskreuzers. Der Kapitän steuert nicht die Gewürz-Inseln an, sondern will uns Kreuzfahrt-Touristen in den hohen Norden entführen.

Heutige Kreuzfahrer identifizieren sich offenbar gern mit Abenteuer-bereiten Helden der Vergangenheit. „Sehr, was ich hier erlebe“, lauten die Smartphone-Botschaften an die Lieben daheim. Mit kostbaren Gewürzen werden sie nicht nach Hause zurückkehren, aber mit der Nachricht, dass sie auf mehr oder weniger gesicherten Aussichtsplattformen wagemutig eindrucksvolle Fotos gemacht und den Eisbären Aug in Aug gegenübergestanden haben.

Muss ich dorthin?

Muss ich irgendwo hin, wo es die aktivsten Vulkane gibt und ein Ausbruch überfällig ist?

Muss ich auf Lava-Feldern spazieren gehen, auf denen weit und breit kein Baum zu sehen ist?

Muss ich mich im Hochsommer auf steinige, schlammige,  rutschige Wege wagen und immer eine regenfeste Jacke dabei haben?

Muss ich mich unbedingt auf den ungewohnten Tag-Nacht-Rhythmus einstellen, wenn auch nachts die Sonne scheint und ich nicht schlafen kann?

Muss ich dahin, wo alles anders ist als daheim?

Hätte man mir von der Reise abraten sollen?

Zum Glück braucht das Schiff ein paar Tage, ehe es die erste Station der Reise erreicht hat. Wenn ich den Koffer ausgepackt habe und durch die Bullaugen in meiner Kabine auf das Meer schauen werde, schlafe ich wahrscheinlich ein und vergesse die Widrigkeiten, die auf mich zukommen könnten.

Möge mir „Der Kleine Prinz“ Mut machen. Das Buch von Antoine de Saint-Exupéry ist meine Lieblingslektüre, wenn ich mir Außerordentliches zutrauen will. „Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs dem Kleinen Prinz, der mit ihm Freundschaft schließen wollte. „Du wirst dich zunächst mit einem kleinen Abstand zu mir in das Gras setzen. Ich werde dich aus den Augenwinkeln anschauen, und du wirst schweigen. Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse. Aber jeden Tag setzt du dich ein wenig näher …“

Wenn ich zum ersten Mal das Schiff verlasse, konnte ich mich vorher Schritt für Schritt an das gewöhnen, was mich erwartet. Vielleicht ist alles anders, als ich gedacht habe.

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