Reise nordwärts. Reykjavik macht sprachlos

Straßenkunst in Reykjavik

Eine Skulptur aus Eisen, deren Aussehen mich an ein altes Kriegsschiff erinnert, empfängt uns, als wir in der Bucht von Reykjavik an Land gehen. Jón Gunnar Árnason, bedeutender isländischer Bildhauer, schuf die Skulptur „Sólfar“, ein stilisiertes „Sonnenschiff“. Erinnert es daran, dass Reykjaviks Geschichte mit den Wikingern, mit dem Atlantik, mit der Fischerei zu tun hat? Reykjavíks Einwohner lebten lange Zeit nur von Schafzucht und Fischfang. Politisch und wirtschaftlich war das Land abhängig von Dänemark

Oder will das symbolisierte Schiff uns Besucher einladen, auf Entdeckung zu gehen? Ist es also mehr als eine Erinnerung an gestern? Reykjavik sei aus dem Dornröschenschlaf erwacht, erzählt die Reiseführerin. Davon könne man sich überzeugen.

Der hohe Turm der Hallgrímskirkja ist nicht zu übersehen. Wenn nicht gerade Gottesdienste oder Konzerte in der Kirche stattfinden, kann man den Fahrstuhl nach oben nutzen und den Blick über die Stadt genießen. Die von Guðjón Samúelsson entworfene evangelisch-lutherische Pfarrkirche der Isländischen Staatskirche wurde nach dem Pastor und Poeten Hallgrimur Petursson benannt. Ihre eindrucksvolle Architektur ist dem Wasserfall Svartifoss im Südosten Islands nachempfunden, der über eine Felskante stürzt, die eingerahmt wird von Basaltsäulen, welche an Orgelpfeifen erinnern. Die Kirche darf für sich in Anspruch nehmen, zu den berühmtesten Wahrzeichen Islands zu zählen. Im Innern treffe ich auf ein Foyer mit moderner Kunst – weltliche, nicht unbedingt „göttliche“ Kunst. Der religiöse Himmel der Isländer scheint weit, Grenzen-los zu sein.

Das bestätigt die sprachgewandte Führerin. Etwa achtzig Prozent der Einwohner gehören der Evangelisch-Lutherischen Isländischen Staatskirche an. Das hindert sie nicht daran, alte Bräuche aus Wikinger-Zeiten zu pflegen, die sich in Traditionen und Symbolen manifestieren. Alte Germanengötter und Göttersagen sowie das „versteckte Volk“ der Trolle, Feen und Elfen sind in Glaube und Lebensvollzug lebendig. Island kennt keine Glaubenskriege.

Daher verwundert es mich nicht, dass es ein „Wohnviertel der Götter“, Thingholtin, gibt. Die Straßen sind nach nordischen Gottheiten benannt. Es gibt die Odins Straße (Ódinsgata), Thors Straße (Thórsgata), Lokis Weg (Lokastígur), Freyas Straße (Freyjugata).

Unterschiedliche religiöse Strömungen bestehen nebeneinander. Man muss viele Meinungen aushalten können. Jeder entscheidet für sich, an wen oder was er glaubt, sagt unsere Begleiterin. Niemand schreibe vor, wie man seine Lebenswelt deutet. Endgültige Antworten gebe es nicht. Man könne nach heidnischen Bräuchen heiraten und beerdigt werden und dennoch Christ sein. Getauft und konfirmiert zu werden, sei traditioneller Brauch, selbst wenn man nicht an Gott glaube. Auch an Heiligabend gehe kaum jemand in die Kirche. Kirchliche Relativitätstheorie.

Die unscheinbare, im neuklassischen Stil erbaute Dómkirkja, Domkirche, des Architekten Laurits Albert Winstrup am Austurvöllur-Platz verdient erwähnt zu werden. Sie ist die Kirche des evangelisch-lutherischen Bischofs von Island. Nach einem Vulkanausbruch von 1783 verlegte man den Bischofssitz von Skálholt nach Reykjavík und baute die Domkirche. Reykjavik hatte damals dreihundert Einwohner. Für sie war sie groß genug. Man hatte Sinn für Realität.

Welche Gedanken einen Bischof bewegen, wenn er vor leeren Kirchenbänken predigt, darüber würde ich gern mit ihm diskutieren.

Von der Kirche aus ist es nicht weit zur Stadtmitte. Bunte Häuser und Straßen drängen sich auf. Quirlige Einkaufsstraßen bieten extravagante Mode und Artikel von morgen und übermorgen an. Die Stadt scheint nicht schnell genug den technischen Fortschritt und die Zukunft in den Griff zu bekommen. Zukunft ist jetzt.

Um die Straßennamen – Lagavegur und Skólavörðustígur sind die Haupteinkaufsstraßen – verstehen zu können, müsste ich mich mit der isländischen Sprache vertraut machen, die zur indogermanischen Sprachfamilie gehört. Ihr Schriftbild hat sich seit der Wikingerzeit im 9. Jahrhundert nur unwesentlich verändert. Die Schrift ist Identität stiftendes Element. Das geschriebene Wort gilt als  unverzichtbar. Es werden jährlich ca. 1,5 Millionen neue Romane veröffentlicht: außerdem existiert eine umfangreiche Kinder- und Jugendliteratur. Die Verbundenheit mit der eigenen Kultur gehört zu den isländischen Wesensmerkmalen. Im National- und  Saga-Museum stellt sich die Wikingervergangenheit Islands vor. In der UNESCO-Literaturstadt wird die besondere Rolle der Literatur für das kulturelle Leben betont. Halbjährlich findet ein internationales, renommiertes Literaturfestival statt. Herta Müller und Günter Grass stehen u. a. als Autoren auf der langen Gästeliste.

Sprach-los macht mich die „Street-Kunst“. Viele Hauswände gleichem einem Kunstwerk mit großformatigen Graffiti,  riesigen Wandbildern und Fantasie-Figuren. Die Künstler ließen sich inspirieren von aktuellen Ereignissen, isländischen Gedichten und Liedern sowie Szenen aus der Literatur. Kreativ und witzig in Form und Farbe orientieren sich die „Künstler“ an der bunten isländischen Natur und Landschaft. Die Stadt ist ein Tummelplatz von Designern für Designer.

Das trifft auch zu auf das neue Konzerthaus mit der von Olafur Eliassons entworfenen, himmelstürmenden, spektakulären Glasfassade. Natur und Technik sind eine Symbiose eigegangen. Licht und Glas, unendlich nach oben strebende Linien, sich überlagernde Metallrahmen von fast eintausend Glassäulen können die Sinne verwirren. Das Ganze wirkt auf mich wie ein großes Orchester, das zu diesem Konzerthaus gehört und zu den Naturgewalten und dem unberechenbaren Wetter passt, mit denen sich die Menschen auseinandersetzen müssen. Dass der Bau privaten Investoren und überheblich gewordenen Bankleuten zu verdanken ist, die dem Land eine große Bankenkrise bescherten, schmälert nicht seine Bedeutung.

Meine Verweildauer ist auf ein paar Stunden begrenzt. Ich könnte Tage und Wochen hier verbringen, um die Vielseitigkeit und Kreativität dieser Stadt kennen und verstehen zu lernen. Aber das Schiff fährt weiter. Vielleicht komme ich zurück.

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