Reise nordwärts. Wenn es nicht dunkel wird

Es ist Mitternacht auf Spitzbergen und dennoch taghell. Die Sonne steht über dem Horizont. Für mich ist es Nacht, draußen anscheinend Tag, unabhängig von der  Uhrzeit. Knut Hamsun schildert es in seinem Roman „Pan“: „Es begann, nicht mehr Nacht zu werden. Die Sonne tauchte kaum die Scheibe ins Meer hinab und kam dann wieder empor, rot, erneuert, als sei sie unten gewesen und habe getrunken.“

Von Mai bis Ende Juli geht nördlich des Polarkreises die Sonne nicht unter. Das Schiff hat diesen inzwischen passiert, aber die über dem Meer stehende Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel herab in meine Kabine. Ich stehe am Fenster, erlebe den nicht enden wollenden Tag und warte auf den nicht beginnenden Sonnenuntergang. Der Himmel hat sich in ein faszinierendes Farbenspiel verwandelt. Gut, dass ich noch nicht schlafe.

Warum bin ich nicht müde? Die Sonne weckt die Lebensgeister, das Schlafbedürfnis wird herabgesetzt, sagt man. Kann ich die Helligkeit im jetzt ewig hellen Spitzbergen ignorieren? Zuhause mache ich mittags ein Nickerchen. Hier muss ich lernen, mit andauernder Helligkeit umzugehen, die den Tag lang und länger macht. Am besten ziehe ich den Vorhang am Kabinenfenster zu, wenn ich zum Schlafen Dunkelheit brauche. Eine Schlafmaske habe ich nicht dabei. Außerdem würde sie ihren Zweck verfehlen und ich in eine Art Wachkoma verfallen.

Der längste Tag des Jahres in Island, von wo wir Richtung Spitzbergen aufgebrochen sind, ist am 21. Juni. Die Sonne geht erst nach Mitternacht unter und kurz vor drei Uhr wieder auf. . Wintersonnenwende, der kürzeste Tag, ist am 21. Dezember. Dann bin ich hoffentlich wieder zu Hause.

Es soll Leute geben, die während der hellen Sommernächte nicht ins Bett gehen, weil sie den Zeit-Unterschied von Tag und Nacht nicht bewusst wahrnehmen. Ihr Zeitgefühl ist abhanden gekommen. Licht fördert die gute Laune. Das muss ich nicht unbedingt ausprobieren. Aber Helligkeit und Dunkelheit sind Vorgänge, die einen wesentlichen Einfluss auf mein Leben haben und sich auf mein Zeitempfinden auswirken.

In den Medien wurde berichtet, die nordnorwegische Insel Sommarøy hätte beschlossen, während der Sommermonate die Zeit abzuschaffen. Alle Uhren wurden medienwirksam an einer Brücke aufgehängt und mit einem angeblichen Foto dokumentiert.  Zeitlos-Dasein auf Zeitlos-Insel sollte beginnen. Schnell stellte sich heraus, dass dies in Wirklichkeit nicht geplant war. Es ging bei der PR-Aktion vielmehr darum, ließ man die überraschte Öffentlichkeit wissen, „ausländischen Gästen die Mitternachtssonne zu erklären“.

Ist so viel Helligkeit nicht schädlich? Stört sie nicht den Wachstumsrhythmus der Pflanzen? Es ist Hochsommer auf Spitzbergen. Es gibt das ewig helle Spitzbergen, das wir jetzt erleben, und das ewig dunkle. Die Flora hat sich den auf sie einwirkenden Bedingungen und klimatischen Verhältnissen angepasst. Die Pflanzenwelt steht unter Schutz. Es ist verboten, Blumen und Pflanzen zu pflücken. Ähnliches gilt für die Fauna. Tiere darf man weder berühren noch füttern.

Belasten lange Dunkelheit und tiefschwarze Winternächte die hier Lebenden nicht? Muss es nicht deprimierend sein, Monate hindurch nicht „be-helligt“ zu werden, also in Dunkelheit leben zu müssen? In der Regel nicht, steht in der Reisebroschüre. Für die überwiegende Mehrzahl derer, die hier wohnen, ist Dunkelheit kein ungeliebtes Phänomen. Manche bevorzugen sogar die dunklen Wintermonate und tiefen Polarnächte. Dann kämen sie zur Ruhe, sagen sie. Dann sei endlich weniger los.

Jetzt im Sommer landen täglich Linienmaschinen. Wöchentlich steuern Kreuzfahrtschiffe die Hauptinsel des aus vierhundert Inseln und Schären bestehenden, zu Norwegen gehörenden Spitzbergen – norwegisch „Svalbard“, „kalte Küste“ – an. Bis zum Nordpol sind es 1300 Kilometer; von Hamburg ist man 2700 Kilometer entfernt. In Longyearbyen, mit zweitausend Einwohnern größter Ort, darf  jeder sein flüchtiges Glück und bisher nicht Erlebtes suchen. Besucher aus aller Welt kommen für ein paar Tage, stopfen sich mit Eindrücken voll, machen sich wieder auf den Heimweg und werden erneut hungrig auf Kurzzeit-Erlebnisse.

Die Anzahl derjenigen, die sich für den Amerikaner Longyear interessieren, der den Ort 1906 gründete, um Kohle abbauen zu lassen, wird sich in Grenzen halten, obwohl das Städtchen seitdem seinen Namen trägt. Nach Kohle wird heute wenig gegraben. Den dreieinhalbtausend Eisbären, die es hier geben soll, will wahrscheinlich auch niemand begegnen. Lange bleibt vermutlich kaum jemand hier, da man nicht im Dunkeln nach Hause fahren will.

Die Bewohner werden froh sein, wenn die Fremden abgereist sind, obwohl es noch taghell ist. Aber es wird ja bald dunkel.

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