Eine Woche für 149 Euro – Zu schön, um wahr zu sein

Meinung

Bernard Shaw, irischer Dramatiker und Satiriker, schätze ich. Das Alter, sagt er, habe Vorteile. Zähne schmerzen nicht, da man keine mehr habe. Das Gehör lasse nach, und man überhöre den Unsinn, der oft erzählt werde. Der Herr im hiesigen Reisebüro pries einen anderen Vorteil: Ein Reise-Schnäppchen. „Vorteilspreis“. Bestens erhaltene Felsenkirchen würden besichtigt, asketisch lebenden Derwischen – bekannt für Bescheidenheit und Disziplin – würde ich begegnen. Das zu dem Preis. Nicht wiederholbar.

Das Angebot überzeugte, obwohl ich soeben erst von einer bedeutend teureren Reise zurückgekehrt war. Oder auch gerade deswegen. Warum viel Geld ausgeben, wenn Reisen und Kultur zum Spottpreis zu haben sind. In meinem Alter kann man nicht alles auf die lange Bank schieben.

Die Gastfreundschaft war perfekt. Schöne, nicht verschleierte, junge Frauen boten uns, den  im großen Halb-Kreis sitzenden Bus-Touristen, Tee und süßes Gebäck an. Irgendwo draußen musste eine Felsenkirche sein. Derwische waren offenbar bei einer anderen Veranstaltung aufgehalten worden. Teppiche wurden ausgebreitet, nicht einfach so, sondern gekonnt, schwungvoll, so dass vor jedermanns und jederfraus Füßen ein Pracht-Exemplar zu liegen kam.

„Was sagen Sie dazu?“ rief jemand, der mit der Sache zu tun haben musste. „Solche Kostbarkeiten bieten wir heute an. Wenn Sie in wenigen Tagen daheim sind, bringt Ihnen Ihr Postbote eines dieser wunderbaren Stücke.“

Woher wusste er das? Die Antwort erfolgte, ohne dass ich fragen musste. Ich müsse nur aussuchen, Name und Anschrift hinterlassen, bezahlen, und das gute Stück würde pünktlich geliefert. Seriöse Firma. Seriöse Kunden. Seriöse Lieferung.

Felsenkirchen hin, Derwische her. Ich kaufte. Nicht zum Vorteils-, jedoch zum Freundschaftspreis. Die kleine Ecke im Wohnzimmer daheim würde von ihrem tristen, Teppich-losen Dasein befreit werden. Es gab viele Teppich-lose Wohnzimmer zu Hause; denn der Bus-Touristen-Teppich-Kauf zog sich in die Länge. Zugegebenermaßen höre ich nicht mehr gut. Aber sehen konnte ich, dass allenthalben Freude herrschte.

Die spürte ich auch, als ich nach meiner Rückkehr pünktlich einen Teppich, meinen Teppich, an der Haustür in Empfang nehmen konnte. In die vorgesehene Ecke passte er nicht, aber irgendwo würde sich ein Plätzchen finden.

Seit jenem bedeutenden Liefertermin schellen in regelmäßigen Abständen hilfsbereite, in unvorhergesehener Notlage sich befindende Teppich-Fachleute bei mir an. Ein guter Freund  habe ihnen erzählt, dass ich an einem vorteilhaften Teppich-Geschäft interessiert sei. Gerade habe sich eine günstige Gelegenheit ergeben. Zufällig sei man hier in der Nähe und könne von Freund zu Freund ein vorteilhaftes Angebot unterbreiten.

Eine Kostbarkeit erwerben und den Verkäufern meine Anschrift hinterlassen. Warum hatte mich Bernard Shaw vor dieser Praxis nicht gewarnt? Vieles ist zu schön, um wahr zu sein. Meinem hiesigen Reisebüro werde ich empfehlen, sich in Zukunft an Winston Churchill zu orientieren: „Es ist ein großer Vorteil im Leben, Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen.“  

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