Maikäfer flieg. Persönliche Gedanken zum Volkstrauertag

Nur wenige Fakten habe ich über das Leben meines Vaters erfahren. 1942 fiel er in Russland. Ein Aufruf des Führers zum „Kriegswinterhilfswerk des Deutschen Volkes“ forderte die Menschen in der Heimat zu höchster Opferbereitschaft auf. Opfer, die sie leisten könnten, seien nur ein Bruchteil dessen, was die deutsche Wehrmacht vollbringe, tönte er. Er erwarte, dass die Heimat ihre Pflicht erfülle.

Sein Appell muss wie Hohn in den Ohren meiner Mutter geklungen haben. „Sparen hilft den Sieg sichern.“ Der Reichswirtschaftsminister behauptete es und unterstrich mit seinen Sprüchen die eigene Bedeutung. Der Anforderungsbogen wurde überspannt. Viele ahnten, dass der mythische Leviathan nahe war – jenes Ungeheuer, das Chaos und Tod bescherte. Ob und in welcher Weise sich diese Ereignisse auf meine kindliche Entwicklung ausgewirkt haben, kann ich nicht beurteilen. Ohne Auswirkungen werden sie vermutlich nicht geblieben sein

„Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg.“ Das Volkslied aus der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ haben wir daheim nicht gesungen, sondern erlebt. Meine Mutter wird nicht angenommen haben, mein Vater trällere irgendwo im Schützengraben voll Sehnsucht an die Liebste daheim das Lied „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“, das die Nationalsozialisten zu Propaganda-Zwecken missbrauchten. Romantische Gefühle, die eine heile Welt vorgaukelten, waren ihr zuwider. Sie hätte eher gebeten „Sag mir, wo die Blumen sind“. Ob sie diesen Anti-Kriegs-Song kannte, weiß ich nicht. Vermutlich war es nicht der Fall.

Nach dem frühen Tod meines Vaters fanden daheim kaum Gespräche über ihn statt. Zumindest erinnere ich mich nicht daran. Laut „Totenzettel“ erwartete er „nach ersehnter froher Heimkehr ein glückliches Familienleben“; fiel er „im Glauben an seinen Erlöser“; wurde er als „guter Kamerad, treu sorgender Familienvater, aufrichtiger und lebensfroher Mensch in die Ewigkeit abberufen“. Meine Mutter hat sich nie dazu geäußert. Mit Trauer, Schmerz und Enttäuschung musste sie allein fertig werden. Gefallene oder vermisste Väter, Söhne und Freunde waren überall in der Nachbarschaft zu beklagen. Ich war noch zu jung, um mir vorstellen zu können, was das bedeutete.

Die Zeitung kündigte Kürzungen der Lebensmittelrationen an. Eine Frau wurde beim Milchdiebstahl erwischt, als sie Milch von einer an der Straße abgestellten Kanne abzapfte. Obwohl sie aus Not handelte, wurde sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Jemand, den Mutter kannte, bot ihr an, heimlich das gemästete Hausschwein zu schlachten, um die Fleisch-Rationen für die nächsten Monate zu sichern. Viel falsch machen konnte Mutter ihrer Meinung nach nicht. Wie viel Fleisch der Mann für sich reservierte und ob er noch sonstige Dienste meiner Mutter einforderte, kam nicht zur Sprache. Mutter klagte nicht – nicht über ihr Leben, nicht über das Leben und Verhalten anderer. Sie hätte viele Gründe gehabt. Wer hätte ihr zugehört? Sie nahm ihr Leben hin. Ihr blieb das Beten. Ob es geholfen hat, sagte sie nicht.

Rosige Märchenbilder sind jedenfalls nicht die Bilder meiner Kindheit, die haften geblieben sind. Meine Gedanken wandern hinüber in ein Pfarrarchiv. Dort sollen Niederschriften fehlen über den Zeitraum zwischen 1931 und 1949, vor allem über die Jahre des Nationalsozialismus. Manche Eintragungen wurden, wird unterstellt, nachträglich gelöscht. Es müssen Erinnerungen gewesen sein, die man verdrängen oder tilgen wollte. Personen, die so handelten, bekleideten möglicherweise verantwortliche Positionen in Pfarrei, Schule und Verwaltung.

Eines Tages habe ich begonnen, nach meinem Vater zu fragen. Die meisten Zeitzeugen, auch meine Mutter, waren verstorben. Heute durchsuche ich Totenzettel und alte Zeitungsnotizen. Ich frage nach bei Verwandten und Bekannten. Ich sitze in Bibliotheken und suche nach dem Gestern. Ich will wissen, was gewesen ist. Die Tage und Ereignisse von damals haben Spuren hinterlassen.

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