Heimaey, Hauptort der gleichnamigen Insel Heimaey, die zu den Westmännerinseln,
den Vestmannaeyjar,
gehört, sollte erste Station unserer Reise sein. Das Schiff lag „auf Reede“,
auf einem Ankerplatz relativ weit vor dem Hafen.
Als 1973 der Vulkan Eldfell, der Feuerberg, auf der Insel ausbrach und Lavamassen Richtung Stadt und Hafen strömten, fürchtete man, die Hafeneinfahrt könnte verschüttet und der Hafen von der Stadt abgetrennt werden. Es wäre das Ende der Stadt gewesen, auch das Ende der Fischerei, von der die Einwohner lebten. Mit Pumpen und Rohrleitungen wurde Meerwasser auf den glühenden Lavastrom gepumpt, um ihn abzukühlen. Der Vulkan wurde gebändigt, die Lava gestoppt.
Mit Tenderbooten sollten Mitreisende an Land gebracht werden, die
einen Insel-Besuch geplant hatten. Aber der Wellengang ließ nicht zu, dass die
Tenderboote auslaufen konnten. Enttäuschung bei denen, die gebucht hatten. Hier
soll das „natürliche“ Island sein, ohne Touristenströme, zu denen auch ich
gehöre? Wenn im kurzen isländischen Sommer eineinhalb Millionen „Wir wollen
nach Island – Fahrer“ ankommen, kann es keinen Geheimtipp geben, wo ich
niemanden von ihnen antreffe. Dennoch wollte ich an Land gehen und das in
Reiseführern Beschriebene und Gepriesene aus meinem Blickwinkel betrachten. Die
Westmännerinseln sollen zu den schönsten Landschaften auf Island gehören.
Ich wollte an der „Rundfahrt zu den Hauptsehenswürdigkeiten“ teilnehmen,
obwohl in der Ankündigung ein Problem besteht. Etwas, dass allen als
„sehenswürdig“ gilt, gibt es nicht.
Der Bus sollte an der Westküste, eine atemberaubende
Steilküste, entlangfahren. Jetzt im Juli sollen sich Schwertwals, Orcas, hier
tummeln. Von der „größten Kolonie Papageientaucher“ in den Felsklippen hätten
sich wohl etliche Exemplare als Foto-Motive gezeigt, keine „Kolonie“. Jetzt ist
keine Brutzeit. Die Vögel jagen auf dem Meer. Etwa zehn Millionen Paare der
schwimm- und tauchtüchtigen, Tauben-großen, schwarzen Vögel mit dem weißen
Bauch und dem leuchtenden Schnabel soll es von Islands heimlichen
Nationalvögeln geben. Man darf sie nicht mehr jagen. Dass trotz Jagdverbot Eier
und Fleisch der bunten, auch Puffins genannten Vögel bei Verbrauchern ankommen
und als Delikatesse auf dem Teller landen, gehört zu den nicht erklärbaren
isländischen Geschichten.
Zwischen
den Vulkanen Helgafell und Eldfell verläuft die Bus-Route. Der Schlackenkegel
Eldfell hat die Westmännerinseln durch seine Entstehung Ende Januar 1973
bekannt gemacht. Zwanzig Minuten lang hätten wir über rotbraune Steine und
erkaltete Lava stolpern können. Ein Geröll aus scharfkantigen Lavabrocken links
und rechts der Wege. Gedenksteine weisen auf begrabene Häuser hin. Zweihundert
Meter über dem Meeresspiegel ist der Eldfell hoch. Der Feuerberg ist eine
Attraktion. Katastrophen-Tourismus daher auch hier, obwohl er heute nicht
stattfinden konnte. Mit Wallfahrts-Orten werden Geschäfte gemacht. In Drogerien
gibt es schwarze „Lava-Zahnpasta“ zu kaufen.
An
einem der höchsten Punkte der Insel Heimæy stellt sich jedem, der herkommt, die
berechtigte Frage, ob dem leise fauchenden und polternden Eldfell zu trauen
ist. Niemand weiß es. Möglicherweise sind daher nur Tages-Gäste hier.
Am
Rand des Lavafeldes entstand das Vulkanmuseum
Eldheimar, ein würfelförmiger
Bau mit Rostfassade.
Es vermittelt einen Eindruck in die Zeit vor, während und nach dem Ausbruch. Vom
„Pompeji des Nordens“ erzählt das Museum. Ein Drittel der Häuser lag und liegt
noch unter Lava und Asche begraben. Inzwischen baute man Kraftwerke auf
dem nach wie vor heißen Lava-Feld. Sie liefern Energie für Insel-Haushalte.
Die Isländer
haben sich mit der Katastrophe arrangiert. Sie seien risikofreudig, überraschungsfähig
und eigenwillig wie die Vulkane, wird ihnen nachgesagt.
Surtsey,
zweitgrößte und ebenfalls von einem Vulkan geschaffene Westmänner-Insel, bleibt
für Biologen reserviert. Nur sie dürfen die Insel betreten. Sie beobachten, wie
auf vulkanischem Ödland neues Leben entsteht, ein neues, ursprüngliches Island.
Unser Schiff darf die Insel umrunden. Ein „Ausgleich“ für den verpassten Besuch
auf der Hauptinsel
In
der Umgebung der Westmännerinseln und auf den Inseln muss immer mit
Vulkanausbrüchen gerechnet werden. Sie sind unberechenbar. Die Inseln gehören
zu einer Vulkanzone, die sich mit den Vulkanen „Katla“ und „Hekla“ fortsetzt.
Hekla, das „Tor zur Hölle“, zählt zu den aktivsten Vulkanen des Landes. Katla gilt als schlafender Riese; ein
Ausbruch sei überfällig, mahnen Experten.
Das Meer ist in Wallung. Die Erde unter uns „lebt“. Die Einheimischen sind deswegen nicht in Sorge. Islands ehemaliger Fußball-Nationaltrainer Hallgrímson ist überzeugt: „Das Risiko, bei einem Verkehrsunfall umzukommen ist größer als die Wahrscheinlichkeit, bei einem Vulkanausbruch zu sterben.“ Er wird es wissen. Für die Einwohner von Heimaey gilt daher die Zeitrechnung „vor und nach der Katastrophe“. Urvertrauen macht sie stark.
Dennoch wird der isländische Katastrophenschutz den gestiegenen Touristenzahlen Rechnung tragen und „vorsorgen“. Das ist beruhigend.
Thank You For Your Vote!
Sorry You have Already Voted!