Ein Gaudi

Den Landgang hatte ich vor Antritt der Reise gebucht. Ich wollte Antoni Gaudis berühmte Architektur bewundern. Leider entfiel die Gaudi-Tour. Gaudi? Wer oder was war Gaudi? Dreihundert Passagiere des Kreuzfahrtschiffes hatten sich zwar für Gaudi entschieden, aber für das Gaudi einer Shopping-Tour. War ich auf dem richtigen Dampfer? Von einer Butterfahrt war in der Vorankündigung nicht die Rede gewesen. Ein Missverständnis? Statt Gaudis Modernisme-Bauten Gaudi-Shopping-Modernisme? Ich machte mich allein auf den Weg, zu meinem Gaudi.

Das Selbstwertgefühl der Katalanen mit seiner besonderen Form von Patriotismus kennzeichnet sein Werk. Es erschließt sich nicht leicht bei einer Einkaufstour. Die Casa Milà, eines seiner letzten Bauwerke, heißt im Volksmund Pedrera, Steinbruch. Ich konnte verstehen, dass Mitreisende die Casa als solche betrachtet hätten. Architektonische Tabus warf Gaudi in der Casa Milà über den Haufen. Das festzustellen, wollten sich die Kreuzfahrer nicht antun. Positives Denken und Schönes zu genießen, hatten sie sich vorgenommen. Nur schwerlich hätten sie in der geschwungenen, wellenförmigen Fassade der Casa ein typisches Haus gesehen. Wo waren die Symmetrien, wo die tragenden Säulen? Die Schaukelwellen, die bei der anstehenden Atlantik-Überquerung zu befürchten waren, gaben Anlass, das flache Gaudi-Shopping der Stadt zu bevorzugen. Gaudi-amus igitur. Voll Freude sei das Leben.

Beim Anblick der Schornsteine auf der Dachterrasse der Casa Milà hätten sie  bezweifelt, dass Antoni Gaudi ein Genie war. Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn soll nicht groß sein, wird gesagt. Die Kreuzfahrer hätten es bestätigt. Wer hatte die Casa zum Weltkulturerbe erklärt? Mussten sie das Casa Battló mit seiner skelettartigen Fassade kennen? Oder das Casa Amatler mit dem verzierten Dachgiebel? Vom Palau de la Música Catalana mit seinem hinreißend schönen Konzertsaal hatten sie nie gehört. Die Sagrada Família, der gigantische Sakralbau, an dem seit 1882 gebaut wird, musste man nicht besichtigen, da sie immer noch nicht fertig ist.

Unbarmherzig zeigten die Zeiger der Uhr an, dass ich zurück zum Schiff musste. Verweile doch, es ist so schön – es ging nicht. Ich hatte eine Kreuzfahrt gebucht, nicht Gaudi. Die Reisenden von der Shopping-Gaudi erwarteten mich an der Reling.