Autor: Peter Josef Dickers

  • Aus aktuellem Anlass noch einmal: „Wer kann in unseren Tagen es noch wagen, NEIN zu sagen?“

    Aus aktuellem Anlass noch einmal: „Wer kann in unseren Tagen es noch wagen, NEIN zu sagen?“

    Die Nein-Sager wagen sich aus der Deckung und formulieren ihr Verständnis für das Verhalten des Dormagener Pfarrers, der den Konflikt mit seinem Bischof und Kardinal nicht scheut.

    Der Bonner Stadtdechant sieht die Kirche im freiem Fall“. Er übt scharfe Kritik am unprofessionellen Krisenmanagement der Spitze des Kölner Erzbistums. Er nehme Woelki zwar ab, dass es ihm mit der Aufklärung ernst sei. Doch man müsse sich nicht wundern, wenn die meisten Menschen inzwischen glauben würden, hier solle etwas vertuscht werden.

    „Unglaublich, dass man den Erzbischof sehenden Auges in diese Krise manövriert hat und seit Wochen immer neue Schlagzeilen liefert, die die Lage eklatant verschlechtern.“ Man frage sich: „Wer berät den Bischof? Registriert jemand, welche Folgen das hat und dass es so nicht weitergehen kann?“

    Die schriftliche Abmahnung des Pfarrers durch die erzbischöfliche Behörde machte bundesweit Schlagzeilen. Wie aus heiterem Himmel dann plötzlich eine Kehrtwendung. Pfarrer Koltmann, dem ich meinen Beitrag in MG-Heute zugestellt hatte, teilte mir mit:

    Sehr geehrter Herr Dickers, am späten Montagnachmittag (11. Januar 2021), habe ich beiliegende Nachricht aus dem Erzbistum Köln erhalten:

    Sehr geehrter Herr Pfarrer Koltermann,

    Ihre Stellungnahme habe ich erhalten. Ich danke Ihnen für Ihre ausführliche Darlegung. Aufgrund der von Ihnen ausgeführten Erläuterungen bezüglich des Zeitungsartikels bestehen meinerseits keine Nachfragen mehr. Aus meiner Sicht ist damit der Vorgang erledigt und er wird keine weiteren Schritte nach sich ziehen. Wenn Sie es wünschen, stehen Frau Zöller oder ich Ihnen gerne zu einem persönlichen Gespräch zur Verfügung. Ich wünsche Ihnen ein gutes und gesegnetes neues Jahr.

    Mit freundlichen Grüßen

    Pfarrer Mike Kolb

    -Hauptabteilungsleiter-

    Erleichtert bin ich und auch perplex, weil ich damit in der Kürze der Zeit nicht gerechnet habe. Es ist unheimlich viel geschehen: Menschen aus vielen Teilen Deutschlands haben sich bei mir gemeldet, Solidarität bekundet, Aktionen gestartet, ermutigende Worte geschrieben, Medien haben sich in vielfacher Weise geäußert. Ich danke Ihnen sehr dafür!

    Was bleibt nun? Ich suche das Gespräch mit dem Bistum und seinen Verantwortlichen. Der Umgang mit den Missbrauchsopfern ist noch nicht geklärt, Gerechtigkeit ist noch nicht wiederhergestellt, die Wahrheit muss ans Licht und nur so kann es einen Neuanfang geben. Und letzten Endes steht die Frage im Raum: Wie geht man mit Kritikern um, anderen Meinungen.

    Für die Zukunft des Bistums Köln und unserer Kirche in Deutschland wird es entscheidend sein, auf welche Weise wir kommunizieren. Nur wenn wir uns als gleichwertige Partner ernstnehmen, können Lösungen erarbeitet werden, die tragfähig sind. Die Zeiten der Top-Down Kommunikation sind vorbei.

    Es liegt viel in den Händen der Pfarrgemeinden vor Ort, ihre Vorstellungen von Partizipation zu formulieren und umzusetzen. Dazu gehört auch, eine Streitkultur zu entwickeln, in der konstruktive Kritik ihren Platz hat, ernst genommen und nicht sanktioniert wird. In diesem Punkt sind wir, so hoffe ich, einen Schritt weitergekommen. Wir müssen die Mauer des Schweigens und der Angst weiter überwinden, weil es um das die Botschaft Jesu geht und um die Zukunft unserer Kirche.

    Somit freue ich mich über Sie, dass Sie sich geäußert haben und möchte Sie einfach bitten, machen Sie mit in der Kirche, erneuern wir sie und bringen Sie sich ein mit Ihren Ideen.

    Dann können wir etwas bewegen – Gottes Geist behütet uns.

    Ihr Pastor Klaus Koltermann

    Je höher man steigt, desto tiefer kann man fallen, Herr Kardinal. Möge es kein Sturz ins Ungewisse werden. Die Kirche wird gebraucht in der Orientierungslosigkeit unserer Tage. Ein Urteil darüber, ob das auch für Sie gilt, steht mir nicht zu.


    Zu diesem Beitrag gehört: Ach, wer kann in unseren Tagen es noch wagen, NEIN zu sagen?
    (Anm. d. Redaktion)

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  • Ach, wer kann in unseren Tagen es noch wagen, NEIN zu sagen?

    Ach, wer kann in unseren Tagen es noch wagen, NEIN zu sagen?

    Wenn einem Pfarrer dienstrechtliche Konsequenzen angedroht werden.

    Der Personalchef des Erzbistums Köln teilte einem Pfarrer im Auftrag des Kardinals mit, „sein öffentliches Eintreten gegen die katholische Kirche, das Erzbistum Köln oder dessen Amtsträger“ wäre nicht vereinbar mit den Loyalitätspflichten im Seelsorgedienst.

    Der Kardinal hatte in einer Predigt die von sexualisierter Gewalt Betroffenen um Verzeihung gebeten. Der Pfarrer hält diese „Entschuldigung“ nicht für glaubwürdig und ausreichend. Er vermisst Woelkis Reue. Dieser habe mit seiner Äußerung einen Rest an Glaubwürdigkeit verspielt.

    In würdevoller Unzufriedenheit erwartet die Bistumsleitung, dass der Sich-fügen-Reflex fromm-ergebene Schafe ausführen lässt, was Mächtige befehlen. Diese gehen davon aus, dass die Schafe in der „Furcht des Herrn“ verharren, auch in der Furcht vor denen, die sich als Herren gebärden und auf Loyalitätspflichten pochen.

    Foto: PJD

    Heinrich Böll sprach von „fürsorglicher Belagerung“. Wilhelm Busch stellte die Frage: „Ach, wer kann in unseren Tagen es noch wagen, NEIN zu sagen?“ Dachte er dabei an  Kirchenobere, die auf die Demut ihrer Untergebenen setzen und nicht kritisierbar sind? Vergessen diese Hirten, dass „Demut“ mit dem „Mut“ einhergeht, anders zu denken und zu reden, als Hirten es gelegentlich erwarten?

    Kardinäle sind aufrechte Menschen. Manche hadern mit der Lebenswirklichkeit. Die Wegerechte sollen möglichst bei ihnen bleiben, bei der ehemals „triumphierenden Kirche“.

    Ist dem Kardinal entgangen, dass die Zukunft der Kirche nicht von Rechthaberei und  Befindlichkeit ihrer Würdenträger abhängt, sondern davon, ob sie den Menschen dient, für die sie da sein will? Weiß der Kardinal noch, was die Menschen bewegt und ihnen auf den Nägeln brennt? Hat der Papst ihm schon auf seine Frage geantwortet, ob er sich in Sachen Missbrauchsverhalten eines ihm besonders vertrauten Mitbruders schuldhaft verhalten hat? Normal Sterbliche wissen das selbst und müssen nicht den Heiligen Vater fragen.

    Der Missbrauchs-Beauftragte der Bundesregierung erhob den Vorwurf, Jahrzehnte hindurch wäre in kirchlichen Einrichtungen sexuelle Gewalt an Kindern unter den Teppich gekehrt, bagatellisiert und vertuscht worden. Personen, die den Tätern nahe standen, sahen nichts und wussten nichts. Der Limburger Bischof, gleichzeitig Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, gesteht ein, dass seine Kirche auch eine „Täter-Organisation“ war bzw. ist. Droht ihm sein Kölner Amtsbruder jetzt mit dienstrechtlichen Konsequenzen?

    Ob der für das Bistum Aachen zuständige Bischof zu dem Vorgang eine Meinung hat?

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  • Kontaktloses Sternsingen 2021. –Nachfragen und Anmerkungen

    Kontaktloses Sternsingen 2021. –
    Nachfragen und Anmerkungen

    Das Brauchtum des  Dreikönigsfestes nach Weihnachten weckt Erinnerungen an die Sternsinger-Zeit in der Pfarre meines Heimatortes. Mütter hatten mit uns Kindern Königs-Kronen aus Pappkarton gebastelt und Königs-Gewänder aus Stoffresten und alten Vorhängen genäht. Da eine Person des Dreigestirns den „schwarzen“ Erdteil verkörpern sollte, musste Ruß aus dem Kamin herhalten, um aus einem Blondschopf einen „Neger“ zu  machen. Was heute als verleumderisch und ehrverletzend gilt, war noch kein strafwürdiges Vergehen.

    In der Schule hatte ich heimlich Kreidestücke eingesteckt. Auf Türen und Tore sollten wir Segenssprüche kritzeln. Unsere Klasse war nicht mit Computern und Internet-Zugang gesegnet. Wir nutzten Schiefertafeln. Auf Kreide-Stücke warf ich daher ein Auge. Das eine oder andere Objekt landete in meiner Hosentasche.

    Den Leuten im Dorf wurde nicht mitgeteilt, dass Sternsinger unterwegs waren. Sie wussten es. Wir Kinder benötigten keine Besuchs-Erlaubnis, sondern  wurden erwartet. Niemand fragte nach Gründen für eine bewährte Tradition. Der Segensgruß „Christus segne dieses Haus“ traf nicht auf die Geringschätzung von Menschen, für die er heute vielfach seine Üblichkeit verloren hat.

    In einigen Häusern war der Tisch für das Dreigestirn gedeckt. Heiße Schokolade gab es, manchmal auch Kuchen. Das Leben kannte keinen Überfluss. Dennoch landeten süße und sonstige Gaben in Taschen und Tüten als Marschverpflegung. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende.  Sternsingen war fröhliche Begegnung zwischen Sternsingern und Familien. Es war heiteres, frommes Spiel.

    Heute, in Zeiten des Lockdowns, ist das anders.

    „In der jetzigen Situation empfehlen wir Ihnen, auf einen Besuch der Sternsinger an der Haustür zu verzichten.“ Eine Information des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“. Daher lauten Ankündigungen eines  hiesigen Pfarrgemeindeverbandes so:

    „Wir verzichten in der Verantwortung für die Sicherheit aller Beteiligten auf einen Besuch der Sternsinger an der Haustür. Wir setzen auf kontaktloses Sternsingen.“

    „Wir haben Segenstütchen vorbereitet, die ab dem 2.1.2021 während der Offenen Kirche und im Pfarrbüro zum Mitnehmen bereitgestellt werden. Die Tütchen beinhalten einen Segensstreifen zum Aufkleben, einen Segens-Text und die Kontonummer der Pfarrgemeinde.“  Von „Singen“ natürlich keine Rede. Wäre auch schwierig mit Mund- und Nasenschutz.

    „Sie können wählen, ob Sie die Sternsingeraktion mit einer Barspende (im Segenstütchen oder in einem verschlossenen Umschlag), die Sie im Pfarrbüro abgeben oder ins Kollekten-Körbchen in der Kirche legen oder mit einer Überweisung auf das angegebene Konto unterstützen möchten. Auf Wunsch können Spendenquittungen ausgestellt werden.“

    Die neue „Sternsinger-App“ wird empfohlen. „Wir geben Ihnen Tipps und bieten Materialien, wie Sie Sternsinger und wichtige Unterstützer gewinnen und motivieren können. Mit der Sternsinger-App ist das so einfach wie nie.“

    „Die Sternsinger-Aktion 2021 wird bis zum 2.2.2021 verlängert. Bis dahin werden noch Tütchen ausliegen und Spenden angenommen.“ „Sagen Sie den Sternsingern, Helfern, Begleitern und Spendern nach der Aktion DANKE und geben Sie das Ergebnis bekannt.“ Knapp fünfzig Millionen Euro an Spenden sammelten Sternsinger bei der Aktion „Dreikönigssingen 2020“. Ob eine ähnliche Summe zustande kommt durch „kontaktlose Sternsinger-Aktionen“? Deswegen die Fristverlängerung?

    „Heller denn je“ nennt sich das jetzige „Projekt zur Aktion Dreikönigssingen 2021“. Dessen Ziel heißt: Hilfe für Kinder von Arbeitsmigranten. „Eltern werden vermisst. Dieses Gefühl begleitet viele Kinder in der Ukraine jeden Tag, manchmal monatelang. Ihre Eltern müssen zum Arbeiten ins Ausland gehen, weil sie in der Ukraine keine Arbeit finden.“

    Gerechtigkeitsgefühle sollen geweckt werden, die auf ungerechte Verhältnisse in der Welt hinweisen. Nicht alle Kinder werden das nachvollziehen können. Projekte, die mit Spenden aus der Aktion Dreikönigssingen gefördert werden, durchlaufen ein Genehmigungsverfahren. In der Regel haben Projekte eine Laufzeit von drei Jahren. Über eine Förderung entscheidet eine „Vergabekommission“. Zu Förderbereichen zählen Bildung, soziale Integration, Gesundheit, Pastoral, Ernährung, Nothilfe, Kindesschutz.

    Seit meiner Sternsinger-Vergangenheit ist viel Sand durch die Sternsinger-Uhren gelaufen. Daher seien einige Bemerkungen und Nachfragen gestattet.

    Wir waren als Sternsinger unterwegs, nicht als Kontakt vermeidende  Spenden-Sammler für einen „guten Zweck“. Wir freuten uns über offene Türen. Wir genossen die in Wort und Tat zum Ausdruck kommende, gegenseitige Verbundenheit. Wir verteilten keine Segensstreifen, sondern waren selbst Segenspender. War es unverzeihlich, dass unser Sternsingen nicht gesellschaftlichen oder anderen Zwecken diente? Süßigkeiten und Gaben, die wir erhielten, waren uns zugedacht. Wir mussten sie nicht wegen Armut und Ungerechtigkeiten in der Welt, die vermutlich nicht geringer waren als heute, mit jedermann teilen.

    Ich bin nicht sicher, ob ich heute mitmachen würde.

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  • Nichts zu befürchten?

    Nichts zu befürchten?

    „Freut euch.“ „Gaudete.“ „Der Herr ist nahe.“ Der dritte Adventssonntag trägt in der Liturgie der Katholischen Kirche diesen Namen. Nicht um fröhliche Stimmung geht es. Wenn Gott den Menschen nahe ist, ist ihnen Heil und Frieden sicher.

    Also nichts zu befürchten?

    „Von mehr als dreitausend Corona-Tests im Erzgebirgskreis fielen 1560 positiv aus. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen schoss nach oben, auch die Zahl der Toten. Was ist, wenn schwer kranke Menschen, die über neunzig Jahre alt sind, noch in die Klinik gebracht werden? Nimmt man nicht jemandem, der fünfundvierzig Jahre alt und schwer an Covid-19 erkrankt ist, das Intensiv-Bett weg? Mediziner und Pfleger arbeiten im Notfallbetrieb. Wir können nicht mehr lange durchhalten.“

    „Die Toten werden im Krankenhaus in Plastiksäcke luftdicht verpackt,  mit roten Aufklebern versehen: Achtung Infektionsgefahr. Die Körper dürfen nicht bewegt werden; es könnte Luft aus der Lunge weichen, in der die Viren schweben. Im Krematorium kommen täglich mehr Särge an, als verbrannt werden können.“

    Zitate aus der Wochenzeitung DIE  ZEIT vom 17.12.2020. Sie lassen sich ergänzen

    „Dann freut euch mal schön, ihr Corona-Leichen“, könnte jemand sarkastisch sagen. Das sagt hoffentlich niemand. Ein Jahr zum Fürchten neigt sich dem Ende zu, und wir hatten und haben immer noch allen Anlass, uns zu fürchten. Hilflose Menschen an Beatmungsgeräten schrecken uns auf, erschöpfte Krankenpfleger und Ärzte, die berechtigte „Angst haben vor dem nächsten Dienst“. Es geht nicht nur um materielle, sondern auch um körperlich-seelische Nöte. Das Verlangen nach „Seel-Sorge“ ist weithin ungestillt.

    Wenn „Markt und Straßen verlassen sind“, haben Menschen kein Bedürfnis, sich einer Weihnachtsverklärung hinzugeben. Sie warten auch nicht auf utopisch anmutende Zukunftsverheißungen, die der Realitätsprobe nicht standhalten, sondern darauf, dass ihnen geholfen wird dort, wo sie sich befinden. Es müssen Wege gefunden und gegangen werden, die bisher nicht gangbar erschienen. „Wir tun, was nötig ist, solange es nötig ist“, lautet eine aktuelle politische Aussage, die auch den Kirchen gut zu Gesicht stehen würde.

    Wir haben nur ein Leben. Um es bewältigen zu können – nicht als Ich-Party, sondern gemeinsam mit andern – hoffen wir auf Hilfe und Zuspruch. Nicht von harmlosen Friedensstiftern. Nicht von Säulenheiligen, die sich als Wohltäter inszenieren, aber abschotten vor der Gegenwart und sich verzichtbar machen. Hoffen auf Nothelfer, die nicht Rezepte für jede Lebenslage, sondern für den Augenblick haben. Wenn sich Träume in Albträume verwandeln, wenn das Umarmen und Händeschütteln ihre Unschuld verloren haben, kommt es auf Menschen an, die sich gegenseitig ermutigen, sich trotz berechtigter Sorgen nicht zu fürchten vor den Unwägbarkeiten unserer Zeit. Wenn das gelingt, könnte manches anders werden, zumindest ein bisschen

    Vom Barock-Dichter Johann Scheffler, bekannt als „Angelus Silesius“, „Schlesischer Engel“, stammt das weihnachtliche Lied „Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freuden macht“. Neue Engel, neue Engelsbotschaften braucht das Land. Nur von Erinnerungen können wir nicht leben. Frohe Weihnachten.

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  • Weihnachten im Advent. Mit und ohne Lockdown

    Weihnachten im Advent. Mit und ohne Lockdown

    Obwohl Advent und noch nicht Weihnachten ist, weihnachtet es. Nikolaus-Party. ChristkindlMarkt. „Es kommt ein Schiff beladen“ mit Glühwein und Bratwurst. Nicht „Stille Nacht“. Dem entkomme ich nicht bei meinem adventlich-vorweihnachtlichen Bummel. Es weihnachtet, wo ich es nicht vermute. Und das trotz „Lockdown“, im ursprünglichen Sinn eine „Ausgangssperre“, die bestimmte Freiheiten und Handlungen untersagt.

    Die Kneipe an der Ecke preist ein Weihnachtsbier an. Nirgendwo steht, was Bier mit Advent und Weihnachten verbindet. Bald ist Weihnachten. Lauter die Glocken nicht klingen als jetzt schon. Keine Bimmel-Sperre. Aus Sorge, zu spät zu kommen? Weil es im Kalender steht?  Hoffnung und Trost sind kein Thema. Menschen, denen ich begegne, erwecken jedenfalls nicht den Eindruck, danach zu suchen, obwohl sie ein bisschen Trost und Zuspruch wahrscheinlich gebrauchen könnten. Unterhaltungs-Bedürfnisse werden befriedigt. Man wird nicht satt davon. Mark Twain erklärte es so: „Vergangenheit ist, wenn sie nicht mehr wehtut.“

    Aus dem Lautsprecher scheppert „Jingl Bells“. Gemeint sind die Schellen am winterlichen Pferdegeschirr. Wer weiß das? Klimpern sollen sie. Es passt zur Plätzchen-süßen Stimmung. Und hört sich gut an. Klimpern ist religionsneutral und muss nicht auf christlich begründete Selbstverständlichkeiten Rücksicht nehmen. Ein bisschen Spaß muss sein. „Deutsche Weihnacht“ feiert man daheim. Advent und Weihnachten erhalten eine neue Identität. Nicht Strohsterne und Kerzen, sondern PlastikKirschen, Plastik-Tannenbäume. Man muss nicht froh, aber munter sein.

    Weihnachten im Advent braucht Erleuchtung, Flutlicht. Schattenlose Helligkeit überstrahlt alles und macht die Nacht zum Tag. Ein bisschen Lockdown täte manchmal gut. In dem Gefunkel würden die Heiligen Drei Könige ihren Stern nicht finden. In der Welt des ewigen Leuchtens, in der die Nächte ihre Dunkelheit verloren haben, bräuchten sie ein Navigationsgerät. Dass Leben im Verborgenen entsteht und Geheimnisvolles zum Leben gehört, weiß man. Ist es die Angst, aus dem Dunkel nicht wieder ans Licht zu finden?

    Lähmende Belehrung ist jedoch fehl am Platz. Nicht alles, was nicht gefällt und den aktuellen Einschränkungen nicht entspricht, ist verwerflich. Die Welt, das Leben, Traditionen ändern sich. Auch die Art und Weise, wie wir Advent und Weihnachten feiern. Für Unterschiedliches ist Platz in der Vielfältigkeit des Lebens. „Die Kunst des Machbaren einüben“, sagte die Bundeskanzlerin.

    Was Feste bedeuten, müssen die Menschen jeder Zeit neu klären. Corona-Advent, Corona-Weihnachten könnten eine Chance schlechthin sein, „anders“, „zeitgemäß“, „den Umständen gemäß“ zu feiern. Ähnlich erging es den Weihnachtstexten. Die biblische Erzählung ist eine nach und nach gewachsene Geschichte. Es dauerte lange, bis sie die heute vorliegende Form gefunden hatte.

    Es wird vermutlich noch oft Advent und Weihnachten gefeiert werden. Mit und ohne Lockdown. Es steht ja im Kalender. Solche Festzeiten müssen wir uns nicht nehmen, nicht zerreden lassen, auch nicht die Glocken, auch nicht die adventlich-weihnachtliche Licht-Symbolik. „Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“, schrieb ein aserbajdschanischer Dichter. In  diesen Wochen sehnen wir uns  danach.

    „Schenken Sie Denkanstöße“, empfiehlt eine Tageszeitung. Das zeitgemäße Geschenk für den Gabentisch.

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  • „Gleis eins“. Die Krippe im Bahnhof

    „Gleis eins“. Die Krippe im Bahnhof

    Krippe. Futterstelle für Nutzvieh in Ställen, für das Wild im Freien.

    Krippe. Betreuung von Kleinstkindern.

    Bettler-Krippe. Milieu-Krippe. Romantische Krippe. Neuzeitliche Krippe. 

    Welche Krippe ist das Original?

    Ein Binsenkörbchen? Ein ägyptischer Pharao ließ neugeborene, männliche, jüdische Kinder in den Fluss werfen, da er um seine Zukunft fürchtete. Eine junge Mutter versteckte ihr Kind in einem Binsenkörbchen am Flussufer. Es trieb mit dem Kind davon. Eine Pharao-Tochter entdeckte es und zog es an Land. Das Kind „Mose“ wurde gerettet.

    Das Krippen-Original?

    Viele Kulturen und Religionen kennen Geschichten von der Errettung eines Kindes. Es gibt viele Krippen-Geschichten.

    Welche ist das Original?

    Auch die Weihnachtskrippe der Bahnhofsmission auf „Gleis eins“ im Kölner Hauptbahnhof  erzählt Geschichten. Eine Krippe mit Bahnhofsuhr, Sitzbank und Anzeigetafeln. Mitarbeiter in Dienst-Uniform erzählen vom Bahnhofsleben. Von den Pendlern wird das nicht immer wahrgenommen.

    Krippe am Gleis eins

    Diese Krippe berichtet von Menschen,
    die entgleist sind.

    deren gewohntes Leben zusammengebrach.

    die nicht ihr Alleinsein aushalten.

    die ungeduldig mit sich und anderen sind.

    deren Leben aus der Spur geraten ist.

    Wenn hungernde, durstende, kranke, schwache, wohnungslose, süchtige, verzweifelte Menschen Hilfe suchen. Wenn Menschen in Not sind: Dann kann „Gleis eins“ Auffangstation sein. Dann ist „Gleis eins“ Zufluchtsraum, Lebensraum.

    „Gleis eins“. Die Krippe im Bahnhof.
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  • An der Weihnachtskrippe im Hamburger „Michel“

    An der Weihnachtskrippe im Hamburger „Michel“

    Sankt Michaelis. Der „Michel“. Dem Erzengel Michael geweiht. Bedeutendste norddeutsche Barockkirche. Wahrzeichen der Hansestadt Hamburg.

    Weihnachten im „Michel“. Ich konnte es kaum glauben. Unübersehbar viele Kerzen. Angezündet von unübersehbar vielen Besuchern. Christvesper für Kinder und ihre Eltern. Der Pastor trug ein Jesus-Kind in die Krippe. Ein Krippenspiel schloss sich an, noch nicht der Beginn des  Gottesdienstes, aber das schien dazuzugehören. Niemand konnte sich dem Geschehen entziehen. Alle hatten offenbar darauf gewartet, stimmten in die alten weihnachtlichen Lieder ein und hörten die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium: „Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“

    Die figürliche Darstellung dieses Ereignisses, die Krippe im Altarraum, war von Kindern und Erwachsenen umlagert. Sie wurde zwischen 1975 und 1979 von der Puppenmacherin Barbara Runschke geschaffen. In der Presse las ich, dass die Figuren vor zwei Jahren restauriert worden waren, weil sie aufgrund verschiedener Umstände gelitten hatten. Mutter Maria hatte sich den Arm gebrochen. Auch bei anderen Mitgliedern der Heiligen Familie war orthopädische Hilfe vonnöten gewesen: Arme und Beine mussten eingerenkt, Gelenke stabilisiert werden. Die Bekleidung der Personen wurde dem heilsgeschichtlichen Ereignis nicht gerecht, war ausbesserungs-  oder erneuerungsbedürftig.

    Ohne diese seit Jahren überfälligen Maßnahmen konnte sich die Familie nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, hieß es. Es wäre sogar bis Heiligabend nicht sicher gewesen, ob sich Mutter Maria wegen der genannten Handicaps in der Lage sah, im „Michel“ wieder in der Krippe aufzutreten. Sie wusste aus vergangenen Jahren, dass Leute aus aller Welt kommen und zumindest aus Neugier einen Abstecher von der Reeperbahn zu Sankt Michaelis machen würden. Darauf war Rücksicht zu nehmen. Allerdings konnte sich niemand eine Krippe vorstellen, bei der die Mutter des Kindes durch Abwesenheit glänzte.

    Inzwischen hatte ich mich nach vorn gedrängt und warf aus relativer Nähe meine Blicke auf das wundersame und zugleich menschlich-alltägliche Geschehen. Als wohltuend empfand ich die gelassene Ruhe, die von den Figuren und ihrem Hintergrund ausging und die wie ein Gegensatz zur Betriebsamkeit wirkte, welche das Kircheninnere von Sankt Michaelis erfasst hatte. Himmel und Erde trafen in der Krippe aufeinander. Draußen vor der Kirchentür schien das eine undenkbare, realitätsferne Verbindung zu sein. Hier drinnen wurde das Zusammengehen von Himmel und Erde nicht nur geduldet, sondern erhofft als Verheißung einer in Wirklichkeit doch nicht so Heil-losen Welt.

    Verschiedene, im Leben draußen nicht immer harmonisierende  Zugehörigkeiten offenbarten sich dem Krippen-Besucher:

    Zwei irdische Menschen zusammen mit einem himmlischen Kind.
    Nach Alltag und unqualifizierter Tätigkeit aussehende, nicht in die gehobene Gesellschaft passende Vieh-Hirten.
    Kulturelle und migrationsbedingte Unterschiede verratende Personen aus verschiedenen Kontinenten.

    Jene, die sich über ein neugeborenes Kind in der Krippe beugten, hatten draußen vor der Kirchentür von Sankt Michaelis wenig miteinander zu tun. Hier drinnen verband sie ein gemeinsames Ziel: Persönliche Befindlichkeiten außeracht lassen und sich von gegenseitiger Angststarre befreien, wenn es um neue Orientierungen geht.

    Die Weihnachtskrippe im „Michel“ zwischen der als leicht anrüchig geltenden Reeperbahn und der Flaniermeile Jungfernstieg war Hinweis dafür, dass dies möglich ist. Sollte es gelingen, dürften alle gemeinsam staunen, vielleicht sogar gemeinsam zur Krippe gehen.

    Heil-lose Welten muss es nicht geben. Gebrochene Arme sind reparabel, verschlissene Kleidung lässt sich ersetzen, Gegensätze in Denken und Handeln sind überwindbar, wenn man neue Orientierungen anstrebt. Mutter Maria in der Krippe würde sich dem nicht widersetzen. Auch Ochs und Esel hätten nichts dagegen. Sie würden sich vermutlich zuraunen: „Geht doch. Haben wir immer gewusst und praktiziert.“

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  • Lauter die Glocken nicht klingen

    Lauter die Glocken nicht klingen

    Es weihnachtet, obwohl noch nicht Weihnachten ist. Nikolaus-Party. Christkindl-Markt. Nirgendwo „Stille Nacht“.

    Dem entkomme ich nicht bei meinem adventlich-vorweihnachtlichen Bummel. Es weihnachtet, wo ich es nicht vermute. Die Kneipe an der Ecke preist ein Weihnachtsbier an. Was Bier mit Advent und Weihnachten zu tun hat, sagt niemand.

    Lauter die Glocken nicht klingen als jetzt schon. Aus Sorge, zu spät zu kommen? Weil es im Kalender steht? Menschen, denen ich begegne, erwecken nicht den Eindruck, sich nach Weihnachten zu sehnen. Mit der Gegenwart erklärt man das Leben, befriedigt Unterhaltungs-Bedürfnisse. Man wird nicht satt davon. Mark Twain erklärte es so: „Vergangenheit ist, wenn sie nicht mehr wehtut.“

    Aus dem Lautsprecher scheppert „Jingle Bells“. Gemeint sind die Schellen am winterlichen Pferdegeschirr. Wer weiß das? Klimpern sollen sie. Passt zur Plätzchen-süßen Stimmung. Hört sich gut an. Advent und Weihnachten erhalten eine neue Identität. Nicht Strohsterne und Kerzen, sondern Plastik-Kirschen, Plastik-Zweige schmücken die Plastik-Tannenbäume. Man muss nicht froh, aber munter sein.

    Diese Art Weihnachten im Advent zu feiern braucht Erleuchtung, Flutlicht, schattenlose Helligkeit. Weihnachten im Advent überstrahlt alles, macht die Nacht zum Tag. Die Heiligen Drei Könige würden ihren Stern nicht finden in dem Gefunkel. In der Welt des ewigen Leuchtens, in der die Nächte ihre Dunkelheit verlieren, bräuchten sie ein Navigationsgerät.

    Lähmende Belehrung ist jedoch fehl am Platz. Die Welt, das Leben, die Traditionen ändern sich. Auch die Art und Weise, Advent und Weihnachten zu feiern. Was Feste bedeuten, muss jede Zeit, müssen die Menschen jeder Zeit neu beantworten. Ähnlich erging es den biblischen Weihnachtstexten. Die Erzählungen sind nach und nach gewachsene Geschichten. Es dauerte lange, bis sie die heutige Form gefunden hatten.

    Wenn auf dem Marktplatz viele hundert kleine und große Weihnachtssänger „O du fröhliche“, „Stille Nacht, heilige Nacht“ in den abendlichen Himmel schicken als zusätzliche Glockenklänge, spricht das für die „Sehnsucht nach ein bisschen Frieden“ in diesen aufgeregten Tagen, die durch kein Getöse unterdrückt werden kann.
    „Schenken Sie Denkanstöße“, empfiehlt eine Tageszeitung. Eine Idee für den Gabentisch.

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  • Warten

    Warten

    Warten ist lästig, unnütz, nervig.
    Warten – vergeudete Zeit.
    Warten – aufgestaute Langeweile.

    Ich hoffe, dass das Warten nicht lange dauert.
    Ich hasse Warteschlangen an der Kasse im Supermarkt.
    Ich ärgere mich über Hotline-Warteschleifen.
    Ich zähle die Sekunden vor der roten Ampel.
    Ich mag keine Wartezimmer.

    Fastfood-Zeit. Schnellkochtopf-Zeit. Fertigprodukte-Zeit.
    Es ist nicht Advent, sondern überall Weihnachten.

    Soll ich dennoch warten?
    Fordert warten mich heraus?
    Macht warten das, worauf ich warte, wichtiger und wertvoller?

    Im Wachstumsprozess der Pflanzen hat alles seine Zeit. Wenn Krokusse im Frühjahr zu früh aus der Erde  sprießen, überstehen sie nicht die Nachtfröste. Sie müssen warten, bis ihre Zeit gekommen ist.

    Muss ich das Warten üben?
    Muss ich Pläne zurückstellen, die noch nicht ausgereift sind?
    Muss ich Weihnachten er-warten?

    „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“ Leo Tolstoi, russischer Schriftsteller, schrieb das. Ich werde mich mit dem Warten anfreunden müssen. Es ist Advent.

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  • Heinz Zenzes und seine wundersamen Schätze

    Heinz Zenzes und seine wundersamen Schätze

    Coblenz, den 28.12.81
    Geliebte Eltern, Oheim und Geschwister
    Jetzt nach vergangenem Weinachtsfeste will ich euch mal schreiben wie es mir überhaupt mit Weinachten gegangen ist. Es sind viele in Urlaub gefahren, weit über die Hälfte, alle die gefragt haben, haben fast Urlaub erhalten.

    Als der Großvater von Heinz Zenzes den Brief schrieb, leistete er in Koblenz seinen Militärdienst ab. Er schien nicht sonderlich an Urlaub interessiert zu sein. Das kann man als Indiz für seine „Bauernschläue“ werten, denn er führte weiter aus: „Unter dem Christbaum lagen Brieftaschen, Hosenträger, Notizbücher, Zigarrenspitzen und andere Sachen. Es gab eine Verlosung der Geschenke. Dazu ein Abendessen, wie ich es lange nicht mehr gehabt habe, und Bier genug.“

    Heinz Zenzes pflegt seine Schätze, nicht nur den oben genannten, in Sütterlin-Schrift verfassten Brief von 1881. Wer einen Blick hinter das Gemäuer der Fachwerk-Hofanlage in Mönchengladbach-Hardt werfen darf, gerät ins Staunen, auf welche Schatztruhe er trifft.

    Die meisten landwirtschaftlichen Aktivitäten auf dem Hof hat Heinz Zenses inzwischen einem Sohn übertragen. Trotz seiner fast 83 Jahre ist er hellwach und erledigt per Fahrrad tägliche Erledigungen. Statt sich irgendwo in die Hängematte zu legen, begibt er sich an einem bestimmten Wochentag mit einer „Zweitausführung“ seines „Hofladens“ in eine Nachbarstadt und bietet Obst und Gemüse aus eigener Ernte an.

    Sein Familienname leite sich von „Vinzenz“ ab, erklärt er mir. Namen haben ihre Geschichte. Manchmal ist sie offen ersichtlich, wenn ursprüngliche Berufsbezeichnungen dahinter ablesbar sind wie „Müller“, „Jäger“ oder „Schumacher“.

    „Geliebte Eltern“. Für Heinz Zenzes sind die alten Briefe wertvolle Dokumente und Zeugnisse für Gegenwart und Vergangenheit seiner Familie und seiner Ahnen. Dazu zählt auch ein Schreiben von 1813, ebenfalls in Sütterlin-Schrift, aus der Zeit der Befreiungskriege, die Napoleons Herrschaft über Europa beendeten.

    Was treibt diesen Landwirt an, im Internet zu stöbern, Museen aufzusuchen, Geschichten von seinen Schätzen aufzuspüren und nach neuen Schätzen Ausschau zu halten? Weil das, was gestern war und entstand, auch heute für ihn Bedeutung hat. Geschichte kann und will er nicht verschwinden lassen. Er bedauert, dass die junge Generation das leicht übersieht und scheinbar so lebt, als gebe es weder gestern noch morgen. Aus eigener Erfahrung weiß er aber, dass dies kein endgültiger Befund sein muss.

    Wir stehen vor dem großen, mit Blumen bepflanzten Gefäß im Innenhof. Kein überdimensionaler Blumentopf, sondern ein alter Kupferkessel für eine Krautpresse. Äpfel, Birnen oder Zuckerrüben wurden zu „Kraut“, einem begehrten Brotaufstrich, verarbeitet. Krautpressen gehörten zu landwirtschaftlichen Einrichtungen. Der genietete Kessel, von außen mit Mörtel eingekleidet, stand eingemauert im Hof und wurde über offenem Feuer erhitzt. Aus meiner eigenen Familiengeschichte weiß ich, wie leicht die Krautmasse anbrannte, wenn das Obst nicht ständig umgerührt wurde.

    Auf Bauernhöfen wurde gewogen. Dazu gehörten Kenntnisse über Erntemengen, über Futterzukauf für das Vieh und über das Verteilen von Düngermengen. Heinz Zenzes sammelte also Waagen: Waagen mit Schiebegewichtseinstellung, Balkenwaagen, Kaufmannswaagen, Haushaltswaagen, Apotheker-Waagen. Auf eine „Papierwaage“ macht er mich aufmerksam, die das Papiergewicht in Gramm pro Quadratmeter berechnet. Eine metallene Flüssigkeitswaage aus dem 19. Jahrhundert mit gedrechseltem Holzköcher, mit der die Dichte einer Flüssigkeit gemessen werden konnte, gehört ebenfalls zu seiner Sammlung.

    Zum Wiegen benötigte man Gewichtssteine. Heinz Zenses kann sie mir in allen möglichen Ausführungen präsentieren, aus unterschiedlichen Materialien gefertigt, in verschiedenen Größen und  Maßangaben. Besonders erwähnenswert sind ihm die um 1918 im ersten Weltkrieg hergestellten „Porzellangewichte“ in 500/200/125/100 Gramm. Die im Foto dargestellten Steine tragen u. a. die Bezeichnungen 1 Z Pf, 2 Z Pf, 3 Z Pf. Das bedeutet, dass ihr Gewicht in Zoll-Pfund berechnet wurde.

    Die Gewichtssteine sind in Zoll-Pfund angegeben, z. B. 3 Z. Pf.

    Der Zollverein besaß die Hoheitsrechte über Maße und Gewichte mit dem Ziel, einen von Handelsschranken geschützten Wirtschaftsraum zu schaffen. Ein Gesetz von1816 schuf innerhalb Preußens erste Handels-Vereinfachungen in Form eines einheitlichen Messwesens – noch nicht das französische, metrisch-dezimale Maß- und Gewichtssystem wie in anderen Deutschen Ländern. Um Verwechslungen mit deren Gewichten auszuschließen, stand auf Preußischen Gewichten neben der Gewichtsangabe ein „Pr.“ für Preußen. 1818 fielen in Preußen die Zollschranken. Das führte zur Preußischen Freihandelszone. Ihr schlossen sich nach und nach andere deutsche Länder an. So kam es am 1. Januar 1835 zur Gründung des „Deutschen Zollvereins“, unter Führung Preußens.

    Inzwischen haben Eichämter den Zollverein abgelöst. Sie sind zuständig für das gesetzliche Messwesen, konkret für die Eichung sowie für die Verwendung und Marktüberwachung von Messgeräten.

    Was nicht gewogen wurde, musste gemessen werden – mit einem Scheffel oder einem Malter; zwei alte, deutsche Getreide-Maße. Die Kartoffel-Schälmaschine musste natürlich nicht messen. Dieses Küchengerät schälte, was rund war. Mit einem Augenzwinkern betont der Sammel-Experte, dass es klimafreundlich und ohne Strom funktionierte. Menschlicher Erfindergeist kannte und kennt keine Grenzen.

    Heinz Zenzes ist bei all dem mit Leib und Seele Landwirt geblieben. Mit wachem Geist verfolgt er aktuelle Fragen und Probleme, mit denen sich die Landwirtschaft und ihre Erzeugnisse konfrontiert sehen. Er verkennt nicht Fehlentwicklungen, weist aber hin auf kontinuierliche Kontrollen von Ackerflächen und landwirtschaftlichen Produkten, die verantwortliches Handeln gewährleisten sollen.

    Er ist im wahrsten Sinn das, was für viele seiner Schätze gilt: Heinz Zenzes ist eine Rarität.

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  • Sterne lügen nicht

    Sterne lügen nicht

    Seit undenklichen Zeiten ziehe ich meine Bahn. Ich bin einer von vielen. Mich kennen nicht viele. Tagsüber ist es zu hell, um mich sehen zu können. Nachts bin ich zu klein, um mich gegen das Gefunkel am Himmel und gegen die Lichter auf der Erde behaupten zu können. Wer mich jedoch entdeckt, dem zeige ich den Weg, selbst in tiefster Nacht.

     „Sterne lügen“, sagt einer. Von denen lasse er sich nicht den Weg zeigen. Er wisse selbst, wo es lang gehe.

    „Wir suchen den Superstar“, sagen andere und quälen sich von einer Ausscheidungsrunde in die nächste. Ihr Stern erscheint nicht am Himmel, sondern vorne auf der Bühne. Grelles Scheinwerferlicht richtet sich auf den Kandidaten. Er soll im Rampenlicht stehen und leuchten. Dagegen komme ich nicht an.

    Sterne, sagte jemand, wären angeblich als Taler vom Himmel gefallen. Wer nach den Sternen greift, wird bald auf der Nase liegen, fügte er hinzu. Er verlasse sich auf sich selbst.

    Ich hatte mich damit abgefunden, eine Ewigkeit unbeachtet meine Bahn zu ziehen. Dann aber entdeckte mich einer. Er hatte seinen Blick nach oben gerichtet. Aus alten Gewohnheiten wollte er aufbrechen. Verletzungen wollte er vergessen, die ihn lähmten und ihn nicht das Schöne im Leben erkennen ließen.

    Ich machte ihm keine falschen Versprechungen. Ich ließ ihn nicht im Ungewissen, wie lang der Weg sein könne, den er gehen müsse. Aber er machte sich auf den Weg. Seitdem ziehe ich vor ihm her, weit über ihm und dennoch ihm nahe. Ich bin ein Stern in seinem Leben und wünsche ihm, dass er ans Ziel kommt.

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  • Nikolaus auf der Kinder-Krebsstation

    Nikolaus auf der Kinder-Krebsstation

    An den nackten Kopf des Elfjährigen hatte ich mich im Laufe der Zeit gewöhnt. Strahle-Jan nannte ihn die Krankenschwester, die sich rührend um ihn kümmerte. Jan war stolz, so angesprochen zu werden. Er strahlte immer, wenn ich ihn auf der Station besuchte.

    Die Krankenschwester bewunderte ich. Wie schaffte sie es, fröhlich und ungezwungen mit Jan und den kranken Kindern umgehen zu können? „Die Kinder auf unserer Station brauchen keine Schwester mit Trauerrand“, sagte sie.

    Die Bestrahlung, die Jan nach der Chemotherapie erhielt, sollte die verbliebenen Reste des Tumors und die restlichen Krebszellen vernichten. Jan war bestens informiert und beschrieb mir mit medizinischer Sachkenntnis, was da vor sich ging. Er wolle auch Arzt werden, sagte er. Es sei unwahrscheinlich interessant, mit welch tollen Geräten die Ärzte arbeiteten. Sein Computer daheim sei nichts dagegen. Man merke nichts von der Bestrahlung. Er müsse zwar während der Behandlung eine Maske über sein Gesicht stülpen, sehen könne er dennoch alles. Es sei halb so schlimm.

    Seine positive Einstellung änderte sich, als er plötzlich von starken Fieberschüben heimgesucht wurde. Das war Anfang Dezember. Wir hatten uns über eine aus Kleinasien stammende Nikolauslegende unterhalten. In ihr wird erzählt, Nikolaus habe in drei aufeinander folgenden Nächten drei Mädchen je einen Goldklumpen durch das offene Fenster zugeworfen, um sie finanziell auszustatten.

    Jan fand das cool, fragte mich aber, wie ein Bischof an so viel Gold komme. Meine Erklärungsversuche, das sei nur eine Geschichte, welche die große Hilfsbereitschaft des Bischofs beschreiben wolle, fand er nicht sehr überzeugend. Er glaube zwar nicht mehr an den Nikolaus, betonte er, wenn der aber so spendabel sei, könne er ihn gern einmal hier auf der Station besuchen.

    Das Fieber warf ihn völlig aus der Bahn. Seine Immunabwehr war zusammengebrochen. Der Hirntumor war stärker als er. Ich musste das Zimmer verlassen und fuhr heim. Am nächsten Tag war ich wieder bei ihm. Die Schwester erzählte mit dürren Worten, sein Zustand sei  kritisch. Die Bestrahlung werde vorerst ausgesetzt. In der Nacht habe er seltsames Zeug erzählt. Von einem reichen Mann habe er gefaselt, der ihm Gold versprochen, es aber nicht gebracht habe. Ich schwieg.

    Als ich ins Zimmer kam, lag Jan teilnahmslos im Bett. Ich setzte mich zu ihm. Irgendwann begann er leise zu reden. Ich musste angestrengt zuhören. Das Wort Nikolaus kam leise über seine Lippen. Ich meinte ein Lächeln bemerkt zu haben.

    Ein paar Tage später starb er. Nikolaus war nicht gekommen. Jan brauchte nicht mehr auf ihn zu warten. Er war dort angekommen, wo er dem legendären Bischof  persönlich begegnen konnte. Vielleicht konnte er ihn auch nach den Goldklumpen fragen.

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  • Ich will brennen

    Ich will brennen

    Ich lag im Karton. Es war eng und die Luft schlecht. Übereinander, nebeneinander, wild durcheinander lagen wir. Sehen konnte ich nichts. Stockdunkel war es. Ein Jahr lang wartete ich darauf, dass mich jemand herausholte und anzündete.

    Vom langen Liegen wird man krumm. Niemand mag krumme Kerzen. Krumme Kerzen werfen krumme Schatten.

    Brennen wollte ich. Wer würde mich anzünden? Wer es hell haben will, braucht Licht. Mein Licht kann nicht die ganze Welt erleuchten. Das weiß ich. Aber für das, was jemand sehen muss, reicht es wahrscheinlich. Und je dunkler es ist, desto heller scheine ich.

    Wer sich an mein Licht gewöhnt hat, wird staunen, was er alles sehen kann. Er wird erkennen, wie viele Lichtblicke es in seinem Leben gibt – viele mehr, als er vermutet hat.

    Zündet mich an. Ich will brennen.

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  • Totensonntag

    Totensonntag

    Trauern

    Abschied nehmen von den vielen Toten vergangener und gegenwärtiger Weltkriege.

    Abschied von einem geliebten Menschen, von Heimat, Familie, Nachbarn, Wohnung.

    Trauer tut weh. Sie kann an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit führen.

    Trauern kann aber auch helfen, sich zu lösen und auf neues Leben vorzubereiten.

    Möge der Totensonntag uns trauern lassen und zugleich Mut machen für eine neue, hoffentlich bessere Zukunft.

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  • Lieber Henry Maske,

    Lieber Henry Maske,

    Sie haben uns die Ehre gegeben. Als charmanter, blendend aussehender, redegewandter 55-Jähriger präsentierten Sie sich Ihrem Publikum in der ausverkauften Mönchengladbacher Kaiser-Friedrich-Halle Man sah Ihnen nicht an, dass Sie seit dem siebten Lebensjahr geboxt haben. Sie haben das offenbar unbeschadet überstanden oder intensiv an der körperlichen Instandhaltung gearbeitet. Was ich mit sieben Jahren gemacht habe, weiß ich nicht mehr genau. Als braver Junge hatte ich vom Boxen vermutlich keine Ahnung. Kann es sein, dass auch Ihre Gegner im Ring keine Ahnung von Ihnen hatten, als sie sich leichtsinnigerweise auf Sie einließen?

    Auf einem einfühlsam vorgetragenen, zugleich unterhaltsamen Gang durch Ihre Biografie begleiteten Sie Ihre Zuhörer. Ihre Erzählkunst ließ uns fast atemlos Ihren Weg mitgehen von der  Kinder- und Jugendsportschule des Armeesportklubs Vorwärts Frankfurt/Oder. Es sei Ihnen nicht leicht gefallen, Ihre Eltern einzubeziehen in aufkeimende und von anderen geförderte, hand- bzw. boxfeste persönliche Ambitionen. Sie wollten niemandem widersprechen und zunächst mit sich selbst klarkommen.

    Es tat Ihnen, der zugleich Offizier der Nationalen Volksarmee wurde, nach und nach gut, zum Vorzeigeathleten des DDR-Sportsystems aufzusteigen. „Erfolg ist kein Zufall.“ „Nichts ergibt sich von selbst.“ So, wie Sie das sagten, klang das selbstverständlich. Aber etliche Male ergänzten Sie, dass auch ein späterer Held wie Sie Erfolge mühsam erarbeiten musste und Höhen und Tiefen erlebte. „Vom Motiv zur Motivation“, formulierten Sie einen Kernsatz. Ihre von anderen geförderte Lust auf Boxen beflügelte Sie, sich Ziele zu setzen.

    Hinzu kamen politisch geprägte Motivationen. Als DDR-Juniorenmeister, Olympiasieger in Seoul, erster DDR-Weltmeister in Kuba wollten Ostblock-Athleten der westlichen Welt beweisen: „Was ihr könnt, können wir erst recht.“ Das unterstrichen Sie, Henry, als Sie nach der Wende Ihren ersten Profi-Wettkampf in London bestritten und 1993 Weltmeister der „International Boxing Federation“, IBF, wurden.

    „Selbst-bewusst-sein“ – so lautete und lautet Ihre Erfolgsformel.

    Foto: PJD

    Hand aufs Herz, lieber Henry Maske. Wenn Sie in einunddreißig Profi-Kämpfen dreißig Male Ihre Kontrahenten derart mürbe machten, dass sie wie leblos in den Seilen hingen, kann das auch daran liegen, dass man Sie unterschätzt hat? Als Ihre Gegner in der damaligen DDR erfuhren, dass Sie aus einem kleinen brandenburgischen Städtchen stammen, haben sie womöglich geglaubt, Ihre Eltern hätten Ihnen statt einem Paar Socken irrtümlicherweise ein Paar Boxhandschuhe unter den Tannenbaum gelegt.

    Niemand verübelte es Ihnen, dass Ihr als krönender Abschluss geplanter Kampf nicht so verlief wie vorgesehen. „Time to say Goodbye“, sang man in der Arena. Sie sangen nicht mit. Sie vertraten immer schon Ansichten, die andere nicht teilen. Ihre Schilderung machte den gespannt lauschenden Zuhörern in der KFH bewusst, dass Ihre Karriere noch nicht in trockenen Tüchern war. Trockene Tücher sahen für Sie anders aus, Henry. Alle spürten, dass diese Geschichte im wahrsten Sinn nachhaltig für Sie geblieben ist.

    „Es geht wieder los.“ Ausführlich legten Sie Vorgeschichte und Verlauf Ihres wirklich letzten Kampfes dar, als Sie zehn Jahre später als Box-Opa noch einmal in den Ring stiegen und die Schmach vergessen ließen. Ihr Ehrgeiz wurde Ihnen nicht zum Verhängnis. „Irgendetwas treibt einen.“ „Den Druck spüren und anderen gewachsen zu sein.“ Solche Aussagen verrieten eine Menge über den Menschen Henry Maske. Werner Schneyders Behauptung „Maske kann nichts gewinnen außer Geld.“ entlarvten Sie. Von Millionen Boxsportbegeisterten wurden Sie bewundert – so wie an diesem Abend in Mönchengladbachs Guter Stube, in die Sie der engagierte Initiativkreis eingeladen hatte.

    Foto: Giulio Coscia

    Einige Zuhörer wussten möglicherweise nichts vom Box-Ring über Sie, sondern von diversen Restaurant-Besuchen. Etliche Sieg-Prämien haben Sie dem Vernehmen nach in Fast-Food-Unternehmen angelegt. Kann man nachvollziehen. Wer schnell auf den Beinen im Boxring war, vermag auch einem Schnell-Imbiss etwas abzugewinnen. Sie waren immer schon als Taktiker bekannt. Als Defensivspezialist sind Sie wilden Faustschlachten nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen. Seitdem Ihre Box-Handschuhe an dem berühmten Nagel hängen, freunden Sie sich mit Fast-Food-Konzepten an und verzichten auf Schlachten am kalten oder warmen Büffet.

    Es war ein Gewinn für uns, lieber Henry Maske, dass Sie den Weg hierher gefunden hatten – wohl auch deswegen, um sich bei uns für Ihren „Henry Maske Fond“ für benachteiligte Jugendliche einzusetzen. Denen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sondern oft Schlusslichter der Gesellschaft bilden, möchten Sie lebenswerte Perspektiven vermitteln. Sie haben nicht die Verhältnisse vergessen, in denen Sie persönlich aufgewachsen sind. Das sind, wie man Ihnen anmerkt, keine entschwundenen Welten für Sie. Erinnerungen kann und muss man nicht auf Knopfdruck löschen. Auch in unserer Stadt gibt es Jugendliche, denen eine Unterstützung durch die Perspektivfabrik „Henry Maske Stiftung“ guttäte.

    So, wie Sie hier auftraten – lebendig, kommunikativ, unterhaltsam, manchmal nachdenklich –  ließen Sie erkennen, dass Sie eine Menge von Mitarbeiterführung verstehen und sich selbst und andere motivieren können. Sie haben nicht nur Ihre Haut zu Markte getragen. Ich wusste nicht, dass man das durch Boxen lernen kann. 

    Dankbar und zugleich kritisch sahen und sehen Sie, lieber Henry Maske, Vergangenheit und Gegenwart in unserem Land:  Dankbar schauen Sie auf die „Wende“ und den Mauerfall zurück. Sie gehören zu den Gewinnern der Einheit, betonen Sie. Sie sind in einer „neuen Welt“ angekommen, übersehen aber nicht, dass in Ihrer „alten Welt“ nicht jeder an jenem Wohlstand teilhat, den viele inzwischen für selbstverständlich halten.

    Nach dem Fall der Mauer wechselten Sie mit Ihrem Trainer Manfred Wolke ins Profilager. Als einer der ersten „Ossis“ wurden Sie gesamtdeutscher Superstar. Ohne dieses Ereignis würden Sie womöglich immer noch „Sabinchen, das Frauenzimmer“ verehren und ihren Verehrer aus Treuenbrietzen, weil auch Sie aus jenem Ort am Rande der Weltgeschichte stammen. Jetzt gehören Sie, zumindest nach unserer Überzeugung, zu „Pionieren der Welt“, zu Personen, die auf ihrem Gebiet eine Vorreiterrolle einnehmen und Bahnbrechendes geleistet haben. „Immer ein klares Ziel vor Augen und den Willen zur Leistung zu haben. Das setzt Energien frei.“  „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ „Nur wer aufgibt, hat verloren.“ Lieber Henry Maske, Sie haben uns mit solchen Sätzen und mit Ihrer Haltung imponiert. Beehren Sie uns wieder.

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  • Maikäfer flieg. Persönliche Gedanken zum Volkstrauertag

    Maikäfer flieg. Persönliche Gedanken zum Volkstrauertag

    Nur wenige Fakten habe ich über das Leben meines Vaters erfahren. 1942 fiel er in Russland. Ein Aufruf des Führers zum „Kriegswinterhilfswerk des Deutschen Volkes“ forderte die Menschen in der Heimat zu höchster Opferbereitschaft auf. Opfer, die sie leisten könnten, seien nur ein Bruchteil dessen, was die deutsche Wehrmacht vollbringe, tönte er. Er erwarte, dass die Heimat ihre Pflicht erfülle.

    Sein Appell muss wie Hohn in den Ohren meiner Mutter geklungen haben. „Sparen hilft den Sieg sichern.“ Der Reichswirtschaftsminister behauptete es und unterstrich mit seinen Sprüchen die eigene Bedeutung. Der Anforderungsbogen wurde überspannt. Viele ahnten, dass der mythische Leviathan nahe war – jenes Ungeheuer, das Chaos und Tod bescherte. Ob und in welcher Weise sich diese Ereignisse auf meine kindliche Entwicklung ausgewirkt haben, kann ich nicht beurteilen. Ohne Auswirkungen werden sie vermutlich nicht geblieben sein

    „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg.“ Das Volkslied aus der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ haben wir daheim nicht gesungen, sondern erlebt. Meine Mutter wird nicht angenommen haben, mein Vater trällere irgendwo im Schützengraben voll Sehnsucht an die Liebste daheim das Lied „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“, das die Nationalsozialisten zu Propaganda-Zwecken missbrauchten. Romantische Gefühle, die eine heile Welt vorgaukelten, waren ihr zuwider. Sie hätte eher gebeten „Sag mir, wo die Blumen sind“. Ob sie diesen Anti-Kriegs-Song kannte, weiß ich nicht. Vermutlich war es nicht der Fall.

    Nach dem frühen Tod meines Vaters fanden daheim kaum Gespräche über ihn statt. Zumindest erinnere ich mich nicht daran. Laut „Totenzettel“ erwartete er „nach ersehnter froher Heimkehr ein glückliches Familienleben“; fiel er „im Glauben an seinen Erlöser“; wurde er als „guter Kamerad, treu sorgender Familienvater, aufrichtiger und lebensfroher Mensch in die Ewigkeit abberufen“. Meine Mutter hat sich nie dazu geäußert. Mit Trauer, Schmerz und Enttäuschung musste sie allein fertig werden. Gefallene oder vermisste Väter, Söhne und Freunde waren überall in der Nachbarschaft zu beklagen. Ich war noch zu jung, um mir vorstellen zu können, was das bedeutete.

    Die Zeitung kündigte Kürzungen der Lebensmittelrationen an. Eine Frau wurde beim Milchdiebstahl erwischt, als sie Milch von einer an der Straße abgestellten Kanne abzapfte. Obwohl sie aus Not handelte, wurde sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

    Jemand, den Mutter kannte, bot ihr an, heimlich das gemästete Hausschwein zu schlachten, um die Fleisch-Rationen für die nächsten Monate zu sichern. Viel falsch machen konnte Mutter ihrer Meinung nach nicht. Wie viel Fleisch der Mann für sich reservierte und ob er noch sonstige Dienste meiner Mutter einforderte, kam nicht zur Sprache. Mutter klagte nicht – nicht über ihr Leben, nicht über das Leben und Verhalten anderer. Sie hätte viele Gründe gehabt. Wer hätte ihr zugehört? Sie nahm ihr Leben hin. Ihr blieb das Beten. Ob es geholfen hat, sagte sie nicht.

    Rosige Märchenbilder sind jedenfalls nicht die Bilder meiner Kindheit, die haften geblieben sind. Meine Gedanken wandern hinüber in ein Pfarrarchiv. Dort sollen Niederschriften fehlen über den Zeitraum zwischen 1931 und 1949, vor allem über die Jahre des Nationalsozialismus. Manche Eintragungen wurden, wird unterstellt, nachträglich gelöscht. Es müssen Erinnerungen gewesen sein, die man verdrängen oder tilgen wollte. Personen, die so handelten, bekleideten möglicherweise verantwortliche Positionen in Pfarrei, Schule und Verwaltung.

    Eines Tages habe ich begonnen, nach meinem Vater zu fragen. Die meisten Zeitzeugen, auch meine Mutter, waren verstorben. Heute durchsuche ich Totenzettel und alte Zeitungsnotizen. Ich frage nach bei Verwandten und Bekannten. Ich sitze in Bibliotheken und suche nach dem Gestern. Ich will wissen, was gewesen ist. Die Tage und Ereignisse von damals haben Spuren hinterlassen.

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  • Sechzig Paar Schuhe. Erinnerung an die Progrome vom 9. und 10. November 1938

    Sechzig Paar Schuhe.
    Erinnerung an die Progrome vom 9. und 10. November 1938

    Die  vom nationalsozialistischen Regime organisierten und gelenkten Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich belasten bis heute. Sie waren Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

    Nach der NS-Machtübernahme boykottierte man in Rheydt jüdische Geschäfte, Arzt- und Rechtsanwaltspraxen. Der jüdische Friedhof wurde geschändet und am 10.November 1938 in Rheydt die Synagoge in Brand gesteckt.

    Die Barbarei endete nicht an den Grenzen des Deutschen Reichs.

    „Judapest“ nannte ein Wiener Bürgermeister die Stadt. Zweihunderttausend Juden wohnten vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Budapest. Das weltoffene Klima, die Möglichkeit Eigentum zu erwerben und einen Beruf ausüben zu können, lockten viele an.

    Pulsierendes Leben herrschte im Bezirk „Erzsébetváros“, im ehemaligen jüdischen Viertel „Elisabethstadt“. Es gab jüdische Cafés, Bars und Theater. Kunsthandwerker betrieben kleine Geschäfte. Dann kamen der Krieg und der Holocaust. Die Nationalsozialistische Bewegung „Pfeilkreuzler“ betrieb zwischen 1935 und 1945 radikalen Antisemitismus. Ihre Anhänger übten blutigen Terror aus. Sie sperrten die Juden in Ghettos, transportierten sie nach Auschwitz

     „Liebster Karczi, bin leider ohne Nachricht. Hoffe euch gesund. . . Bitte schreibe sofort über euch.“ Die Nachricht entdeckte ich in einem Dokument des Ungarischen Roten Kreuzes in Budapest. Sechzehntausend Juden wurden am Donau-Ufer erschossen. Darunter vielleicht auch Karczi. Der Fluss trug die Leichen fort. Vor ihrem Tod mussten sie die Schuhe ausziehen, da sie noch einen Wert hatten.

    2004 stellte der Künstler Gyula Pauer sechzig eiserne Schuh-Paare ans Donau-Ufer, südlich des Parlaments. Die Schuhe stehen oder liegen dort wie zufällig, als seien sie von damals übrig geblieben.

    Und heute? In der deutschsprachigen „Budapester Zeitung“ las ich eine Notiz: „Mit dem Abriss eines Hauses auf der Kiraly utca ist am Donnerstag begonnen worden. Die Arbeiten an dem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert mussten aufgrund von Protesten wieder eingestellt werden. Die Demonstranten warfen den Verantwortlichen vor, die Abrisserlaubnis sei nicht gültig.“

    Die Stadtverwaltung argumentierte: Der Zustand des Hauses und die hohen Kosten für die Sanierung seien Gründe, dass ein Abriss einzige Option sei. Man brauche Geld aus den Grundstücksverkäufen, um das Viertel modernisieren zu können. Die zweistöckigen, alten Wohnhäuser sollen abgerissen werden und Platz schaffen für Luxuswohnungen und Edelboutiquen. Die Vergangenheit und die bewegte Geschichte des ehemaligen jüdischen Ghettos werden ignoriert, nach Möglichkeit ausgelöscht. Gegenwart und Zukunft sind das Maß aller Dinge.

     „Marod charmante und quirlige Straßen“, steht im Reiseführer. Touristen mit Budapester Hochglanz-Erwartung verirren sich nicht hierher. „Wonderful Budapest“ suchen sie woanders.

    Je länger ich durch die Elisabethstadt ging, desto mehr zog sie mich in ihren Bann. Das jüdische Viertel ist in Gefahr, wenn alte Häuser abgerissen, gewachsene Strukturen zerstört und jüdische Erinnerungskultur dem Vergessen preisgegeben werden. Ich verstand, warum die Budapester Bevölkerung auf die Barrikaden ging, als Bagger die „Silberschmiede“ niederwalzten, eines der schönsten alten, jüdischen Häuser.

    Das andere, kaum von Touristen besuchte Budapest holte mich ein – das Holocaust-Denkmal z. B. mit dem großen metallenen Weidenbaum. Auf seinen Blättern sind die Namen deportierter, verschollener, ermordeter Juden eingraviert. Sie halten fest, was geschah. An der Totenwand las ich vertraute Namen: Kohn. Roth. Herzfeld. Kaufmann. Herzog. Kein Budapest für Touristen.

    „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist?“ Was wir „vergessen“, holt uns irgendwann wieder ein.

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  • Beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Persönliche Geschichten aus Ost und West.

    Beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue.
    Persönliche Geschichten aus Ost und West.

    Während Berlin „Dreißig Jahre Mauerfall“ feiert, lud der Bundespräsident in der Reihe „Geteilte Geschichte(n)“ zu einem Gespräch ins Schloss Bellevue ein. „Von Erfolgsrezepten in Ost und West“ lautete die Thematik. Die im Fernsehen bekannt gewordenen Köche und Restaurantinhaber Maria Groß und Ali Güngörmüş erzählten ihre Herkunfts- und Erfolgsgeschichten, moderiert vom Radio- und Fernsehmoderator Jörg Thadeusz.

    Maria Groß wurde mit 34 Jahren Deutschlands jüngste Sterneköchin. Seit 2015 führt sie in Erfurt das Restaurant „Bachstelze“ unter ihrem Label „Maria Ostzone“.  Erfrischend und unbekümmert erklärte sie, warum die „Ostzone“ bleibend zu ihrer Erfolgsgeschichte gehört. Dort wäre sie daheim, Thüringen hätte sie geprägt. Diese Erfahrungen sollten einen Stammplatz behalten in ihrer und der Deutschen Geschichte.

    Ali Güngörmüş, 1976 in der Türkei geboren, zog, als er zehn Jahre alt war, mit seiner Familie nach München. Als bisher einziger, in der Türkei geborener Küchenchef erhielt er einen Michelin-Stern und führt inzwischen in München sein Restaurant „Pageou“. Liebenswürdig und witzig stellte er dar, wie man den geschichtlich geprägten, türkisch-deutschen Beziehungen über den „Kochtopf“ neuen Geschmack verleihen könne.

    Es schloss sich eine spannende Aussprache an. Der Bundespräsident wollte mit seiner Gesprächsreihe „Geteilte Geschichte(n)“ einen Rahmen schaffen für persönliche Geschichten aus Ost- und Westdeutschland. Diese sollten der Frage nachgehen, welchen Stellenwert die Zäsur der Jahre 1989 und 1990 in der gemeinsamen deutschen Erinnerung einnimmt. Wichtig wäre, einander zuzuhören und die Situation der Menschen in Ost- und Westdeutschland heute besser zu verstehen. Wir sollten beobachten, was sich veränderte, was die Menschen bewege, wo es Enttäuschungen und wo es neue Hoffnungen gab. Fremde Lebensgeschichten sollten das Verständnis für andere Sichtweisen wecken.

    In diesem Zusammenhang konnte ich einen persönlich erlebten Vorgang schildern, der sich tief bei mir eingeprägt hat:

    Für mich kam er aus der „Zone“. Ich wusste kaum, wo das war. Etliche Male war ich in die ehemalige Sowjetunion gereist. Nebenan, im anderen Teil Deutschlands, war ich nie. Wenige Wochen vor dem Mauerfall war er in den Westen gekommen, obwohl er an der Uni „drüben“ eine gute Stellung innehatte.

    Er war gekommen, weil er mit seiner Bekannten zusammen sein wollte. Bisher hatten sie sich auf der polnischen Seite der „Hohen Tatra“ in den Karpaten treffen können. Er war gekommen, obwohl die DDR seine Heimat war, in der er aufwuchs, in der er Ansehen und Erfolg erworben hatte. Heimat und Mutter, Beruf und Erfolge ließ er zurück.

    Ich lernte ihn kennen. Er war klug. Er hatte exzellente Noten. Wissen und Können hängen nicht vom politischen System ab, sondern vom persönlichen Engagement. Er lehrte mich vieles anders und überhaupt zu sehen.

    Der Alltag West holte ihn ein. Andere Maßstäbe. Andere Wertordnungen. An Erfolg und Konsum orientiertes und gemessenes Wirtschaftsdenken. Folgen für ihn: Unerfüllt bleibende berufliche Erwartungen. Begrabene Hoffnungen. Keine Chance, sein Potential zu entfalten. Sein Leben schien sich aus einer Ansammlung von Enttäuschungen zusammenzusetzen. Er war Fachmann-Ost. Hier suchten sie den Fachmann-West. Man zeigte sich schwerhörig, wenn er gehört werden wollte. Der Geduldige wurde zum Zuspätkommenden.

    Aber er blieb. Kein Arbeitsplatz war ihm zu weit entfernt; oft getrennt von der Bekannten, die inzwischen seine Frau geworden war. Er war in „zehn Jahren West“ kein anderer geworden. Dennoch sollte er „anders“ als bisher leben, denken und handeln. Völlig unerwartet starb er. Bei einer ärztlichen Untersuchung brach er zusammen. Fassungslos alle, die ihn kannten und schätzen gelernt hatten. Mir war er ein Freund geworden. Was hatte er gelitten? Wer hatte wem nicht zugehört? Wer hatte wen nicht verstanden? Er uns? Wir ihn? Welche Mauern waren nicht abgetragen worden?

    Die Fragen, die sich nach dieser Ost-West-Geschichte stellen, konnten am Vormittag im Schloss Bellevue nicht hinreichend beantwortet werden. Auch Erfolgsrezepte setzen sich manchmal nur langsam durch. Aber sie machten allen bewusst, dass wir nicht nur „Dreißig Jahre Mauerfall“ feiern, sondern noch Antworten auf viele Fragen geben müssen.

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