„Gestorben wird immer.“ Von den Tätigkeiten eines Bestatters

Foto: PJD

Der Tod ist unvermeidbarer Bestandteil des Lebens. Wie man weiß, liegt die Sterberate bei hundert Prozent. Obwohl unsere Lebensjahre begrenzt sind, spielen wir auf Zeit. Andreas, Bestatter aus Mönchengladbach-Rheindahlen, erlebt, was geschieht, wenn diese Zeit abgelaufen ist. „Ich treffe diesen Moment in der Regel als Ausnahme-Situation an, selbst wenn er vorhersehbar war.“ Wenn er gerufen werde, wisse er nicht, was auf ihn zukomme. Er müsse sich vor Ort darauf einstellen, um angemessen den Trauernden begegnen zu können.

Dann beginnt seine Tätigkeit als Bestatter, in die er im Verlauf vieler Jahre hineingewachsen ist. Inzwischen gebe es die „Bestattungsfachkraft“, einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf. Seit 2010 können Bestatter die Meisterprüfung machen.

Schmerz, Trauer und Betroffenheit der Angehörigen muss er wie ein persönlicher Wegbegleiter einfühlsam aufgreifen. Seine Zuwendung gilt dabei vor allem denen, die mit dem Tod ihres Kindes, ihres Partners, ihrer Mutter oder ihres Vaters konfrontiert werden. Trauern können, schmerzliche Erfahrungen bewältigen, wenn Sarg oder Urne das letzte Bett geworden sind, haben nicht alle gelernt. Freunde, die oft mit Rat und Hilfe zur Seite standen, haben sich unsichtbar gemacht, wenn sie selbst ratlos sind.  Vielleicht sind sie überfordert mit der Situation und verlassen sich auf Andreas, der das für sie regeln soll.

Andreas versteht das. Formalitäten, Behördengänge, Versicherungs-Angelegenheiten seien zu besprechen. Hilfreich seien Vorverträge, die man „für den Fall des Falles“ abgeschlossen habe. Veränderte Familienstrukturen und berufliche Perspektiven machen es empfehlenswert, Vorsorge-Maßnahmen zu treffen. Er sei nicht überrascht, wenn bei Paaren nur einer der Partner sich bei ihm nach dieser Möglichkeit erkundigt. Auch bei miteinander vertrauten Partnern sei es nicht selbstverständlich, dass sich beide zu Lebzeiten zu diesem Grenzbereich vorwagen.

Es gehe um „die letzten Dinge“. Was soll oder muss Verwandten, Bekannten, evtl. der Öffentlichkeit in einem Totenbrief  bzw. in einer Anzeige mitgeteilt werden? Was darf man preisgeben über das soeben zu Ende gegangene Leben eines Menschen? Wo soll die Bestattung erfolgen? Im eher ländlichen Bereich, in dem Andreas wohnt, sind das zumeist der Friedhof oder eine Grabeskirche.  Anonyme, sog. Friedwald- oder See-Bestattungen seien hier, im Gegensatz zu städtisch geprägten Strukturen, die Ausnahme.

Ähnliches gelte für Verstorbene, die eine Beziehung zu einer der christlichen Kirchen gepflegt hätten. In dem für ihn zuständigen kirchlichen Gemeindeverband gebe es noch Ansprechpartner. Trotz eines weithin indifferent gewordenen Verhaltens gegenüber Religion und Kirche, von denen viele äußerlich Abschied genommen haben, wenden sie sich an die Kirche oder an entsprechende Organisationen und halten sie für zuständig.

Andreas muss viele Fragen beantworten. Er hört nicht weg. Sarg oder Urne müssen ausgesucht werden. Evtl. wollen Angehörige oder Freunde eine mögliche Trauerfeier mitgestalten. Es gebe keine vorgeschriebenen Verhaltensmuster, betont er. Abgesehen von städtisch verordneten Beerdigungen, verhalte er sich bei Beratung und Durchführung einer Bestattung so, als müsse er den eigenen Opa, die eigene Mutter, das eigene Kind zu Grabe tragen.

Der oder die Verstorbene werde unabhängig davon, ob eine Erd- oder Feuerbestattung anstehe, so gekleidet, wie es die Angehörigen wünschten, fügt er noch hinzu. Manchmal habe der oder die Tote zu Lebzeiten konkrete Vorstellungen geäußert. Die Versorgung des Leichnams werde in jedem Fall individuell und nach Absprache geregelt. Nicht nur im schwarzen Anzug oder im langen Abendkleid begebe man sich zur „ewigen Ruhe“. Auch ein Borussen-Trikot oder die ausgefranste Jeans seien eine angemessene Kleidung „auf der letzten Reise“.

Natürlich habe er Kenntnisse erworben und schaffe für sich einen notwendigen Abstand zum aktuellen Geschehen. Dennoch sei jeder Abschied, bei dem er mitwirke, auch sein Abschied. Er erledige nicht nur eine Aufgabe. Das treffe vor allem dann zu, wenn er ein Kind beerdigen müsse. Abschied-Nehmen finde nicht nur am Todestag statt, sondern vollziehe sich in persönlichen, kleinen Schritten, an denen viele beteiligt seien, auch er als Bestatter. Die tägliche Auseinandersetzung  mit dem Tod hinterlasse Spuren bei jedem, der solche Spuren zulasse.

Die Begegnung mit Andreas macht mich nachdenklich. „Wir lassen Sie mit Ihrer Trauer nicht allein“, verspricht der „Bundesverband Deutscher Bestatter. Ich bin mir sicher, dass dies bei Andreas so ist.

An vielen Bestattungen habe ich teilgenommen. Nach diesem Gespräch beginne ich sie bewusster nachzuempfinden.

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