Krippengang

Der Mönchengladbacher Autor, Peter Josef Dickers; Foto: Günter Pfützenreuter

„Fahren wir wieder zu den Krippen?“ In der Weihnachtszeit mache ich Krippengänge, am liebsten zusammen mit Kindern. Auch einige Eltern der Kinder begleiten uns in der Regel. Meine Antwort auf die Frage ist eindeutig: „Ja“.

Überall stehen Krippen in dieser Stadt. In Kirchen, auf Weihnachtsmärkten, im Bahnhof, in Schaufenstern, in Türeingängen. Romantisch oder abstrakt, liebevoll dekoriert oder in die Gegenwart versetzt.

Eine Krippe im ehemaligen Hafenviertel der Stadt gefällt den Kindern besonders gut. Sie veranschaulicht, wie Menschen in diesem Bezirk einmal gelebt haben und was sie teilweise erlebt haben. Ein vor Jahren verstorbener Pfarrer der Kirchengemeinde gab die Initiative zu dieser ungewöhnlichen Krippe. Sie verkörpert das damalige „Milieu“ der Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Viele Not leidende Menschen lebten hier im Hafenviertel am Rhein. Ihre Not und manche leid-, aber auch liebevolle Erfahrung der Menschen  wurden in die Figuren der Krippe hinein projiziert.

Die Kinder fragen nach der Frau in dem schwarzen Gewand – eine franziskanische Ordensfrau, die ein kleines Mädchen an der Hand hält. Die Franziskanerinnen betreuten damals sozial Schwache und unterhielten einen Kindergarten in diesem Stadtviertel. Uns wird bewusst, dass auch das Kind in der Krippe ein „Sozialfall“ war. „War Josef auch arbeitslos wie mein Vater?“ Die Frage eines Kindes aus der Gruppe ist sehr direkt. Der betroffene Vater steht dabei und schweigt.

Je näher wir hinschauen, desto mehr sehen wir. Auch die Frau mit dem Matrosen fällt den Kindern auf. „War das seine Freundin?“ Die Frage beantwortete ich mit einem vorsichtigen „Ja“. Freundin für eine Stunde vielleicht. Die Familien- und Partnergeschichten von damals unterscheiden sich nicht viel von den heutigen.

Die Krippenfiguren führen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Damals ist ein Teil von heute. Wie Weihnachten.