Mit positiven Theatererlebnissen Sucht und Gewalt in Pflegeeinrichtungen vorbeugen

Bilder ©Guhlemann

„Rapunzel, Rapunzel, lass deine Haare herunter!“ schallt es in den Garten der Pflegeeinrichtung Helmuth-Kuhlen-Haus in Mönchengladbach.

12 Seniorinnen haben sich heute versammelt, um mitzuerleben, wie Martin Kreidt von der Projektfabrik in Witten mit ihnen das Märchen Rapunzel durchgeht. Sie hängen an seinen Lippen und diskutieren eifrig mit, wenn Aspekte von Sucht und Gewalt thematisiert werden, die in der Geschichte vorkommen. Warum wollte die schwangere Frau so unbedingt immer mehr Rapunzeln? Was verfolgte die Zauberin mit dem Abschneiden von Rapunzels Haar? Und durch welche Taktiken hat der Prinz die Ängste des Mädchens nach seinem unerwarteten Auftauchen im Turm abgebaut? Mit Erzählung, Diskussion, angeleiteten Sprechchören, Gesang und kleinen körperlichen Übungen geht es durch die Geschichte, bis der Prinz durch die heilenden Tränen von Rapunzel sein Augenlicht wiedererlangt und beide glücklich und zufrieden zusammen leben können. Um alle Sinne anzusprechen, kommen dabei auch Requisiten und Musikstücke zum Einsatz.

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In der lebhaften und szenischen Erzählung des Märchens offenbaren sich verschiedene Strategien im Umgang mit vielfältigen Herausforderungen des Lebens und schwierigen Lebensabschnitten: Demütigung und Armut, Schuld und Verantwortung, Verlust und Schmerzen müssen verarbeitet und überwunden werden, damit am Ende Zufriedenheit und Glück entstehen können.

Gewalt und Sucht sind in Einrichtungen der stationären Pflege Problembereiche, deren Bearbeitung im stressigen Alltagsgeschäft nicht immer zu leisten ist. Deren Entstehung durch Herstellung oder Erhalt von Lebensfreude vorzubeugen, ist daher besonders wichtig. Im Projekt „Prävention kreativ!“, das durch den Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) auf Basis des Leitfadens Prävention gefördert wird, werden Senior*innen spielerisch mit allen Sinnen angeregt, sich über die Betrachtung der Lebens- und Leidenswege fiktiver Figuren mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Um das Projektziel der Prävention von Sucht und Gewalt in den Ursachen zu erreichen, stehen vor allem positive Erlebnisse der Teilnehmenden im Vordergrund. Die wöchentliche Theaterarbeit der Projektfabrik Witten wird durch eine Reihe an Gesundheitsworkshops ergänzt, die Psycholog*innen der Uni Siegen durchführen. Das Angebot kommt bei den Bewohner*innen richtig gut an. Dass Märchen in dieser Form „so vielschichtig“ und „nicht nur für Kinder“ sind, führt schließlich zur einhelligen Meinung: „Ist immer viel zu schnell rum“.

Begleitet und evaluiert wird das Projekt durch Wissenschaftlerinnen der Sozialforschungsstelle Dortmund (sfs) und der Forschungsgesellschaft für Gerontologie (FfG). Inzwischen haben alle 4 Einrichtungen die erste von zwei Praxisphasen abgeschlossen. Die nächste wird im kommenden Jahr stattfinden, worauf man sich in den Einrichtungen schon freut: „Hauptsache, Sie kommen wieder“, hieß es zum Abschied. Im Team werden bereits die Erfahrungen zusammengetragen, um bei der zweiten Maßnahmenphase – mit neuen Themen und Märchen im Gepäck – noch besser zu werden.

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