Nichts zu befürchten?

Foto-Montage: MG-Heute

„Freut euch.“ „Gaudete.“ „Der Herr ist nahe.“ Der dritte Adventssonntag trägt in der Liturgie der Katholischen Kirche diesen Namen. Nicht um fröhliche Stimmung geht es. Wenn Gott den Menschen nahe ist, ist ihnen Heil und Frieden sicher.

Also nichts zu befürchten?

„Von mehr als dreitausend Corona-Tests im Erzgebirgskreis fielen 1560 positiv aus. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen schoss nach oben, auch die Zahl der Toten. Was ist, wenn schwer kranke Menschen, die über neunzig Jahre alt sind, noch in die Klinik gebracht werden? Nimmt man nicht jemandem, der fünfundvierzig Jahre alt und schwer an Covid-19 erkrankt ist, das Intensiv-Bett weg? Mediziner und Pfleger arbeiten im Notfallbetrieb. Wir können nicht mehr lange durchhalten.“

„Die Toten werden im Krankenhaus in Plastiksäcke luftdicht verpackt,  mit roten Aufklebern versehen: Achtung Infektionsgefahr. Die Körper dürfen nicht bewegt werden; es könnte Luft aus der Lunge weichen, in der die Viren schweben. Im Krematorium kommen täglich mehr Särge an, als verbrannt werden können.“

Zitate aus der Wochenzeitung DIE  ZEIT vom 17.12.2020. Sie lassen sich ergänzen

„Dann freut euch mal schön, ihr Corona-Leichen“, könnte jemand sarkastisch sagen. Das sagt hoffentlich niemand. Ein Jahr zum Fürchten neigt sich dem Ende zu, und wir hatten und haben immer noch allen Anlass, uns zu fürchten. Hilflose Menschen an Beatmungsgeräten schrecken uns auf, erschöpfte Krankenpfleger und Ärzte, die berechtigte „Angst haben vor dem nächsten Dienst“. Es geht nicht nur um materielle, sondern auch um körperlich-seelische Nöte. Das Verlangen nach „Seel-Sorge“ ist weithin ungestillt.

Wenn „Markt und Straßen verlassen sind“, haben Menschen kein Bedürfnis, sich einer Weihnachtsverklärung hinzugeben. Sie warten auch nicht auf utopisch anmutende Zukunftsverheißungen, die der Realitätsprobe nicht standhalten, sondern darauf, dass ihnen geholfen wird dort, wo sie sich befinden. Es müssen Wege gefunden und gegangen werden, die bisher nicht gangbar erschienen. „Wir tun, was nötig ist, solange es nötig ist“, lautet eine aktuelle politische Aussage, die auch den Kirchen gut zu Gesicht stehen würde.

Wir haben nur ein Leben. Um es bewältigen zu können – nicht als Ich-Party, sondern gemeinsam mit andern – hoffen wir auf Hilfe und Zuspruch. Nicht von harmlosen Friedensstiftern. Nicht von Säulenheiligen, die sich als Wohltäter inszenieren, aber abschotten vor der Gegenwart und sich verzichtbar machen. Hoffen auf Nothelfer, die nicht Rezepte für jede Lebenslage, sondern für den Augenblick haben. Wenn sich Träume in Albträume verwandeln, wenn das Umarmen und Händeschütteln ihre Unschuld verloren haben, kommt es auf Menschen an, die sich gegenseitig ermutigen, sich trotz berechtigter Sorgen nicht zu fürchten vor den Unwägbarkeiten unserer Zeit. Wenn das gelingt, könnte manches anders werden, zumindest ein bisschen

Vom Barock-Dichter Johann Scheffler, bekannt als „Angelus Silesius“, „Schlesischer Engel“, stammt das weihnachtliche Lied „Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freuden macht“. Neue Engel, neue Engelsbotschaften braucht das Land. Nur von Erinnerungen können wir nicht leben. Frohe Weihnachten.